Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Rauschender Berg[1]

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

"Well'n und Wogenruschen weern min Weegenleed."[2] Für einen Schiffer ist das Musik in den Ohren, der Landratte graut davor.

Bei Sankt Goarshausen verengt ein Berg den Rhein, zusätzlich lagen Felsen im Strom, die inzwischen beseitigt sind. Trotzdem verunglücken dort auch heute noch Schiffe.[3]

Davon singt 1823 Heine in dem bekannten Lied: Ein Mädchen namens Lore-Ley sitzt auf dem Gipfel des Berges, kämmt ihr goldenes Haar und lockt mit einer wundersamen, gewaltigen Melodei den Schiffer auf die Felsenriffe.[4] Wer sich an dieser Stelle in die schönste Jungfrau verguckte, verlor nicht nur sein Herz und sein Boot, sondern oft auch sein Leben.[5]

Clemens Brentano erzählt 1800 eine andere Geschichte: Lore Lay war eine wunderschöne Frau, die von ihrem Geliebten verlassen worden war und alle Männer bezauberte. Das war ihr peinlich. Sie stürzte voll Verzweiflung von einem Felsen in den Rhein.[6]

Lore Lay wird als Frauenname gedeutet. Der Vorname Lore, Kurzform von Eleonore, war um 1800 bekannt.[7] Der Familienname Ley ist im Rheinland zwischen Koblenz und Köln besonders häufig,[8] nordwestlich der Lorelei.

Woher kommt der Name wirklich? Im älteren Deutschen war lörlen eine Weiterbildung von lören 'plärren', verwandt mit norwegisch lur 'Alphorn' und griechisch lýra 'ein Seiteninstrument'.[9] Der alte Name Lurlenberg bezieht sich wohl auf das "Wogenrauschen" des Strudels an diesem Berg.[10] Im Spätmittelalter hat man sich über die Anfügung -le gewundert und hielt sie für ein verkürztes Lei 'Steinplatte, Schiefer, Fels',[11] daher Loirleyberg[12] und später Lorley.[13]

Schon früh beschäftigte sich die Phantasie mit dem schaurig-schönen Mittelrheintal:[14]

Der Marner, ein Dichter des 13. Jahrhunderts,[15] behauptete: "Der Ymelunge Hort liegt in dem Lurlenberge"[16] - der Nibelungenschatz, vielleicht aus einer Nebenüberlieferung der Sage.

1612 berichtet Markward Freher von einem "beispiellos wunderbar widerhallenden Echo" unterhalb von (Ober) Wesel, das auch Brentano kennt,[17] und wir ebenfalls: Es nennt den dortigen Bürgermeister "Esel". Nach Bernhard Moller[18] sind es Naturgeister, die das Echo erzeugen.[19]

Was hat das mit der Lorelei zu tun? Lürlein war damals eine Art Kobold, vielleicht weil er "lörlte", gespenstische Geräusche von sich gab. Man kann sich leicht vorstellen, dass so ein Wicht am Berghang sitzt und den Menschen alles nachplappert, wie einst die Nymphe Echo.[20]

Vom echoenden Kobold bis zur charmanten Sängerin ist kein weiter Weg. Sie bezaubert nicht durch ihre Anmut, sondern durch ihr Lied (lateinisch carmen), daher französisch charme 'Zauberei'.[21] Schon die Antike kannte betörend singende Nixen, die Sirenen. Wer sich von ihnen hinreißen ließ, sprang über Bord und ertrank.[22]

 

[8] Geogen, "Ley", absolute Namensverteilung (lässt sich nicht öffnen, "http://christoph.stoepel.
net/geogen/v3/"
in Adresszeile einfügen)

[10] Ganz ähnlich hieß Löhrbach bei Birkenau 1071 Lerlebach 'Rauschebach': Kreuzdenker, Siedlungsnamen: Löhrbach

[12] Bistumsarchiv Trier 71,129/20 (Loreley...). -oi- deutet ein langes o an.

[16] Ph. Strauch, Der Marner. Straßburg 1876, S. 97

[18] 16. Jahrhundert?

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

 

Datum: 07.07.2915

Aktuell: 16.02.2018