Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Verzwickte Mühle

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Email:

 

 

Ein quadratisches Spielbrett mit Linien, zweimal neun Steine, fertig ist die Mühle.[1] Warum heißt dieses Spiel so?

Das ist eine verzwickte Sache, denn bei der Mahlmaschine geht's rund, die Steine sind rund und das Mühlrad, die Windmühlenflügel und Omas Kaffeeleier drehen sich im Kreis. Gedreht oder gemahlen wird bei diesem Spiel nichts. Der Gegner wird nicht in der Zwickmühle gezwickt oder  eingeklemmt. Solange die "Mühle zu" ist, hat er auch gar keine Möglichkeit sich dazwischen zu quetschen.

In Stein geritzte Muster wie auf dem Mühlebrett sind Tausende von Jahren alt.[2] Der römische Dichter Ovid[3] deutet eine Spielregel an: Jeder Spieler hat drei Steine und muss versuchen sie in eine Reihe zu legen[4] - dann hatte er nach den heutigen Regeln eine "Mühle". Da nur je drei Steine im Einsatz waren, handelte es sich um eine einfache Version mit einem kleineren Brett.[5] Das gab's nicht nur quadratisch, sondern auch in Gestalt eines Rades,[6] von dem ebenfalls steinerne Muster aus der Antike erhalten sind.[7]

Diese "Radmühle" erklärt den heutigen Namen des Spiels und warum man die drei Steine "Mühle" nennt: das Bild eines Mühlrads. Zwei Steine lagen gegenüber auf der "Felge" und einer auf der "Achse". Der Name Mühle wurde dann auf die größeren eckigen Spielarten übertragen.

Im ältesten deutschen Beleg aus dem Jahr 1472 heißt es, dass jemand "gern eine Zwickmühl" hätte, eine weitere Option bei einer Entscheidung.[4] Da wird Zwickmühle schon im übertragenen Sinn verwendet. In seiner eigentlichen Bedeutung wird der Ausdruck also älter sein: eine Anordnung der eigenen Steine, bei der man eine zweite Mühle schließt, wenn man die erste öffnet. Und noch älter muss der Name der einfachen "Mühle" sein.
Heute sind wir froh, wenn wir nicht "in die Zwickmühle", in eine ausweglose Lage kommen. Da hat sich also die Bedeutung verschoben von 'gut' aus Sicht des Gewinners zu 'schlecht', wie's der Verlierer empfindet.
Zwick ist eine Nebenform von Zweck in der ursprünglichen Bedeutung 'Nagel' (althessisch noch 'Schuhnagel'
[8]; Reißzwecke). Mittelhochdeutsch zwicken war 'festnageln, einklemmen'. Bei der Radmühle kann man den Gegner in die Zange nehmen, sodass er sich nicht bewegen kann, er ist sozusagen auf seinem Platz "festgenagelt".[9] Das war auch die mittelhochdeutsche Bedeutung von verzwickt (heute 'kompliziert').[10]

Mühle spielen kann man mit einfachen Mitteln, auf einem selbst gezeichneten Spielfeld mit Steinchen, Knöpfen oder Münzen. Heute gibt es das Spiel zu kaufen. Das ist wohl der Grund, warum der Name Mühle in vielen Ländern verbreitet ist, zum Teil neben abweichenden Bezeichnungen:[11] Es ist ja nicht schwer, für den Export Mühle in jede beliebige Sprache zu übersetzen.

 

nach oben

Übersicht

 

Echo Online

Begriffe: Spiele

 

Datum: 04.08.2015

Aktuell: 26.03.2016