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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Kamel und Kaisers Bart

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ein Kamel passt so wenig durch ein Nadelöhr wie ein Elefant in ein Mauseloch. Das sind groteske Bilder.

Das vom Kamel stammt von Jesus: "Eher geht ein Kamel durchs Nadelöhr, als dass ein selbstsüchtiger Prasser ins Himmelreich kommt."[1] Aber ein Kamel ist doch viel größer als das Loch in der Nadel. Da nützt Abspecken nichts. Doch der Raffke kann in den Himmel kommen, wenn er sich ändert. Das ist der Sinn dieser Aussage.
Die platte Vernunft versteht dieses Bild nicht und sucht nach einem Geheimgang: Nadelöhr sei der Name eines Türchens für Fußgänger gewesen (nicht nachgewiesen) oder griechisch kámelos 'Kamel' sei verwechselt mit kámilos 'Ankertau', das doch auch nicht durch ein Nadelöhr passt. Es hilft alles nichts, das eine ist zu groß und das andere zu klein. Das Bild ist grotesk, der Gegensatz übersteigert, die Farben dick aufgetragen.

Grottesco 'wie in der Höhle' nannten die Italiener die römischen Wandbilder, die sie in einer vermeintlichen Grotte fanden: Pflanzenornamente mit Fabelwesen, Wirkliches und Unwirkliches vermischt. Später stellte sich heraus, dass das der verschüttete Palast Neros war.[2]

Grotesk sind viele unsrer Redensarten und auch an ihnen scheitert oft die platte Vernunft:

"Geld auf die hohe Kante legen", das klingt nach löblicher Rücklagenbildung. Aber wie soll man sich das vorstellen? Die "hohe Kante" ist die obere Schmalseite eines senkrecht stehenden Bretts, ein sehr unsicherer Aufbewahrungsort für Münzen. Da kann man das Geld auch gleich "hochkant[3] zum Fenster rausschmeißen".[4] Das Bild drückt ironisch das Gegenteil von dem aus, was es sagt.[5]

Wer nichts auf die hohe Kante legen kann, ist "arm wie eine Kirchenmaus", die im Gotteshaus verhungern müsste, weil dort keine Lebensmittel gelagert werden. Daher gibt es keine Kirchenmäuse.[6] Alles, was uns zur Rettung der frommen Nager einfallen könnte, ist "für die Katz" und "Streit um des Kaisers Bart".

Eine Fabel aus dem 16. Jahrhundert erzählt von einem Schmied, der den Kunden überließ, wie viel sie zahlen wollten. Jedesmal, wenn man ihn mit "Danke" abspeiste, sagte er zu seiner Katze: "Katze, das ist für dich." Anderes Futter bekam sie nicht. Eines Tages war sie verhungert.[7] Diese Geschichte ist aus der Redensart "für die Katz" herausgesponnen: Was die Katze fraß, war für Menschen wertlos oder verloren. So ist auch "für die Gänse" gemeint.[8]

Beim "Streit um des Kaisers Bart" geht es um Nichtigkeiten. Ob vergorener Apfelsaft "Wein" ist, wurde vor ein paar Jahren heftig diskutiert.[9] Genauso stritt man im alten Rom, ob man Ziegenhaare "Wolle" nennen darf. Aus "Geißenhaar" soll "Kaisers Bart" geworden sein.[10] Das Zwischenglied "Geißenbart" lässt sich nicht nachweisen.

 

[7] Lutz Röhrich, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten 3,819

[10] Rörich 1,153

 

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Echo Online

 

Datum: 01.09.2015

Aktuell: 28.01.2017