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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Petzende Denunzianten

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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"Petzen ist unkameradschaftlich", hieß es in der Schule. "Wehr dich oder ertrag's, aber sag's nicht dem Lehrer."  

Heute sind wir anderer Meinung. Wenn Übergriffe auf Mitschüler auf diese Weise gedeckt werden, haben die Bösen freie Hand. Schikaniert werden die Schwächeren, das darf auf keinen Fall geduldet werden. Aber auch der Schwächere kann Stärke zeigen: indem er nicht reagiert. Der Elefant hat ein dickes Fell. Er kann sich's leisten, auf den kläffenden Köter nicht zu achten.

Petzen ist ungefähr das, was der Köter tut: Lärm machen. Hessisch bätzen bedeutet 'heftig widersprechen'. Das ist dasselbe Wort, nur mit einer abweichenden Bedeutung.[1] Im Sächsischen war bätzen 'denunzieren'. Die Studenten sagten schon 1794 dafür petzen.[2]
Statt petzen sagte man auf Hessisch platschen
[3], beides sind Schallwörter. Ein gleichwertiges und eindeutiges deutsches Wort gibt es nicht. (Aus)plaudern, hinterbringen, reden, verraten, weitererzählen, zutragen, preisgeben, auspacken, schwätzen, klatschen[4] haben auch andere  Bedeutungen.

Eindeutig ist das Fremdwort denunzieren, von lateinisch dê-nûntiáre 'ankündigen, verkünden, melden'.[5] Man muss Fremdwörter nicht ängstlich meiden. Denunzieren ist aber nicht 'dem Lehrer melden', sondern 'bei der Polizei anzeigen'. Petzen und denunzieren lassen sich also sauber unterscheiden.
Es ist nicht gut, wenn Behörden zur Denunziation auffordern, denn dadurch schürt man Misstrauen und belohnt auch noch Menschen, die andere schlecht machen.
Denunzianten sind auch diejenigen, die Jahrzehnte alte Doktorarbeiten auf nicht gekennzeichnete Zitate überprüfen. Das waren Fehler, die niemand geschadet hatten, nun aber den Schummlern von damals. So fällt auch ein schlechtes Licht auf den Doktortitel überhaupt und die prüfendenden Universitäten. Echte Straftaten sind nach dieser langen Zeit meist verjährt.

Whistleblowers 'Pfeifenbläser' verpfeifen nicht die kleinen Leute oder decken längst vergessene Mogeleien auf, sondern unsaubere Machenschaften in Vorstandsetagen, Behörden und Geheimdiensten.[6] Diese Denunzianten wollen sich nicht wichtigmachen, Belohnungen kassieren oder andere schlechtmachen, sondern die Allgemeinheit vor Schaden bewahren, und setzen sich dabei selbst allerlei Unannehmlichkeiten aus.

Petzen und denunzieren ist gemein. Doch der Beschuldigte hat die Möglichkeit sich bei der Behörde zu verteidigen. Noch gemeiner ist die Verleumdung, das Ausstreuen von Gerüchten, deren Urheber unbekannt sind. Sie lassen sich nicht mehr steuern und schädigen den guten Ruf. ‑leumd- ist verkürzt aus Leumund 'was man über jemand hört'.[7]

Gerücht kommt von Ruf.[8] -ft- und -cht- wechseln oft, wie bei englisch soft und niederdeutsch sacht.

 

[4] Duden - Das Synonymwörterbuch (2004)

 

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Echo Online

 

Datum: 24.11.2015

Aktuell: 11.04.2016