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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Schikanierter Vogel

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Die Dümmsten der Klasse fielen über den Neuen her und verprügelten ihn. Er passte nicht zu ihnen.

Ähnlich erzählt Christian Andersen vom "Hässlichen jungen Entlein": Es passte nicht zum Federvieh auf dem Hühnerhof, wurde schikaniert und herumgestoßen, bis es entdeckte, dass es ein Schwan war. "Es schadet nichts, in einem Entenhofe geboren zu sein, wenn man nur in einem Schwanenei gelegen hat."[1] Nicht nur die Enten mobben. Schwäne sind in ihrer Jugend grau. Manche aber werden weiß geboren. Sie werden als Außenseiter früh aus dem Nest gejagt.[2]

Nicht Andersen, sondern der griechische Dichter Aischylos (525-456)[3] erwähnt, der Schwan singe vor seinem Tod.[4] Der letzte Schwanengesang war ein beliebtes Motiv in der Kunst.[5] Der Name Schwan spielt darauf an: Lateinisch sonus 'Ton' ist verkürzt aus svonos, dazu germanisch swanas 'Schwan'.[6] Dass er nur beim Sterben singe, soll wohl erklären, warum kaum jemand den Schwanengesang gehört hat. Außer dem amerikanischen Tierforscher Elliot. Der berichtet, ein angeschossener Schwan sei im Gleitflug zu Boden gegangen und habe melodische Töne von sich gegeben.[7]

Dem majestätischen Vogel schrieb man übernatürliche Fähigkeiten zu, wie dass er weissagen könne.[8] Aber nicht deswegen sagt man "Mir schwant" 'ich ahne'. Das ist vielmehr ein Lateinerscherz: Man stellte lateinisch olet mihi, wörtlich 'mir ahnt', zu olor Schwan'.[9]

Auch sonst führt uns der Schwan an der Nase herum: Schwanheim hat den Schwan im Wappen, im Ried[10] wie am Main[11]. Der Ort im Ried hieß aber 765 Suainheim, der am Main 880 Sueinheim, weder zum Schwan noch zum Schwein (alt swîn). Althochdeutsch swein war der 'Schweinehirt, Knecht', indogermanisch svoinos 'Angehöriger': Die Buben mussten das Vieh auf der Weide hüten. Die Westgermanen haben offenbar schon früh swein auf das Borstentier bezogen. Wie bei altnordisch svein ist aber die Grundbedeutung 'Bursche'.[12] Da altes ei hessisch wie a gesprochen wird (zwaa 'zwei'), schrieb man seit dem 17. Jahrhundert Schwanheim.[13]
Swansea in Wales ist ebenfalls irreführend, das ist nicht englisch Swan-sea 'Schwansee', sondern Swan's-ea, die britische Version von altnordisch Sveinns ey 'Svens Insel'.
[14]

"Mein lieber Schwan" aber ist keine Verwechslung. Der Ausdruck stammt aus Richard Wagners Oper Lohengrin 1,3: "Leb wohl, leb wohl, mein lieber Schwan!"[15] Der Vogel hatte Lohengrin in einem Nachen nach Brabant gebracht.[16]
In Tschaikowskys Ballett "Schwanensee" ist der Schwan eine verzauberte Prinzessin
[17]. In Grimms Märchen "Die sechs Schwäne"[18] und in Andersens "Die wilden Schwäne"[19] geht's um verwünschte Brüder, die durch die aufopfernde Liebe ihrer Schwester erlöst werden.

 

[8] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 7,1403

[10] Schwanheim (Bensheim) – Wikipedia
Einem Buch, nach dem die meisten Ortsnamen 'Sumpf' bedeuten, darf man nicht glauben.

 

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Datum: 05.07.2016

Aktuell: 16.02.2018