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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Die Profipflanze

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Alle Wildpflanzen sind Profis, im Überleben und Meistern ihres Daseins. Besondere Profipflanzen gibt's nicht.

Oder etwa doch? In unserm Balkonkasten ging was auf. Gespannt beobachteten wir, was das werden würde: lang und dünn, Blüten wie die Gänseblümchen. Wie hieß das nochmal? Profipflanze? Nein, anders: Berufkraut.[1] Ist doch auch so ähnlich!

Es heißt aber nicht so, weil es einer geregelten Tätigkeit nachgeht, sondern weil es als Zauberkraut galt, auch Beschreikraut genannt.[2] Man glaubte, es würde gegen Zaubersprüche schützen, mit denen man "berufen" oder "beschrien" wurde.[3] Mehr als fremde Magie fürchtete man, durch unbedachten Fluch Unglück herbeizurufen[4] oder durch Lob den "Neid der Götter" zu erwecken. Daher der Ausdruck "Unberufen!"

Die Vorsilbe be- deutet oft an, dass ein Vorgang abgeschlossen wird und zu einem Ergebnis führt (zwingen 'nötigen' - bezwingen 'endgültig unterwerfen')[5], so ist auch berufen zu verstehen: in diesem Fall nicht nur "Hokuspokus" rufen, sondern damit wirksam zaubern.
Normalerweise gebrauchen wir berufen anders: In manchen Gremien gibt's außer von Amts wegen "geborenen" und gewählten auch berufene Mitglieder, etwa Fachleute, die die Arbeit unterstützen können und vom Gremium gewählt werden. Auch Schöffen werden berufen.
[6] Und Professoren.[7]

Der Professor ist ein anerkannter Profi in seinem Fach. Er kennt sich darin hervorragend aus und wurde dazu berufen, Studenten auszubilden. Wie Dokt-or 'Lehrer'[8] und Ten-or 'eine Singstimme'[9] kommt auch Profess-or 'Hochschullehrer' aus dem Lateinischen: pro-fitêri (proféssus) war 'sich äußern, sich erklären, sich anmelden'. Professa war eine 'registrierte Hure'. Lehrer, Ärzte, Juristen, Pfarrer brauchen nicht nur die entsprechende Ausbildung, sondern auch die öffentliche Erlaubnis, ihren Beruf auszuüben. Sonst kann ja jeder kommen. Auch ein Professor hat eine Lehrerlaubnis.
Damit ist aber noch nicht alles gesagt. Profession 'Beruf' gehört auch dazu. Schon lateinisch professio konnte 'Beruf' bedeuten, wohl im Sinn von 'bei der Behörde angemeldetes Gewerbe'. Dazu englisch professional 'gelernt, berufsmäßig' und über französisch professionnel unser professionell. Einen, der seine Tätigkeit von Berufs wegen ausübt, nannte man vor 100 Jahren Professional, erster Beleg von einem Politiker, später auch von Sportlern. Bald darauf kam das Kurzwort Profi auf.
[10]
Der Professor ist also wirklich ein Profi, für Kardiologie, Archäologie, Pädagogik, Erbrecht und wie die Fachgebiete alle heißen. Selbstverständlich ist auch das Berufkraut ein profihafter Überlebenskünstler, genau wie Giersch
[11] (hessisch Geißenfuß[12]), Löwenzahn[13] (Milchbusch[14]) und Quecke[15]. Ihnen ist schwer beizukommen.

 

[3] Handwörterbuch des deutschen Aberglaubens 1,1103

 

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Echo Online
Begriffe: Pflanzen

 

Datum: 19.07.2016

Aktuell: 14.07.2016