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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Nach den Tatsachen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Bevor wir von den Tatsachen mit allen Einzelheiten wussten, waren wir ahnungslos. Dann lernten wir sie kennen. Der anfänglichen Neugier folgte der Überdruss, das Desinteresse. "Wozu muss man das alles wissen?" Um mitreden und mitbestimmen zu können! "Ach was, das geht auch so!"

So ungefähr lässt sich umschreiben, was mit dem "Wort des Jahres" postfaktisch gemeint ist: wörtlich 'nach der Ära der Tatsachen'.[1] Das klingt, als sei eine neue Zeit angebrochen, in der die Fakten nicht mehr gelten und jeder reden darf, wie's ihm am besten passt: "Was geb ich für mein schlechtes Geschwätz von gestern?"[2]

Fakten ist die Mehrzahl von Faktum 'Tatsache',[3] von lateinisch factum 'Tat', eigentlich 'getan'. Tatsache ist übersetzt aus der Wendung res facti 'die Sache der Tat', juristisch: 'das festgestellte Verbrechen' (die Leiche mit Schusswunden), dessen Umstände geklärt werden müssen: Wer hat das getan oder bewirkt? Welcher der Verdächtigen war das wirklich?[4] An diesem Beispiel können wir leicht erkennen, wie wirklich von 'tätig' über 'tatsächlich' zu 'real' wurde, d. h. 'nachprüfbar vorhanden', nicht bloß ausgedacht oder eingebildet.

Real 'wirklich' kommt von spätlateinisch realis 'sachlich, sachgemäß, wirklich' und ist das Adjektiv von res 'Sache: konkreter Gegenstand, Angelegenheit, Tat, Gerichtsverfahren'.[5] Real ist daher auch richtig, recht 'in Ordnung' und wahr[6] 'der Wirklichkeit gemäß'[7].

Auch wenn wir nie herausbekommen, wer Kennedy ermordet hat[8] und wie "Ötzi"[9] mit Vornamen hieß: Es kann nur eine richtige Antwort geben. Gott wird es wissen. Wer den "Menschen zum Maß aller Dinge"[10] erklärt, macht ihn orientierungslos und öffnet der Willkür Tor und Tür.[11]

 

 

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Echo Online

Sprachecke 21.02.2016

 

Datum:

Aktuell: 16.02.2017