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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Grenzkontrolle

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief

 

An der Grenze sah der Beamte sehr gründlich meinen Pass an: "Das Foto ist nicht mehr mit Ihrem jetzigen Aussehen identisch." Wie konnte dass nur passieren? Ich hatte inzwischen einen Bart.
Neulich standen wir alle an einem Grenzübergang, vom alten ins neue Jahr. Keine Passkontrolle, nur Schilder "Ende 2016", "Willkommen in 2017".

Passieren bedeutet eigentlich 'sich auf die andere Seite begeben', so schon im 15. Jahrhundert. Im 16. Jahrhundert kam die Bedeutung 'geschehen' dazu: Ein Ereignis kommt auf mich zu und geht an mir vorüber oder durch mich durch. Erst seit dem 19. Jahrhundert kann passieren auch bedeuten 'durch ein Sieb drücken'. Grundlage ist französisch passer 'hindurchgehen' und letztlich lateinisch passare 'schreiten'. Dies geht zurück auf passus 'Schritt'.[1]

Kontrollen gibt's nicht nur an der Grenze. Die Lehrerin kontrolliert die Hausaufgaben, der Arzt den Blutdruck, die Truppe ein besetztes Gebiet. Der Unfallfahrer verliert die Kontrolle über sein Fahrzeug und manch einer die Kontrolle über sich selbst, er rastet aus oder benimmt sich daneben.
Altfranzösisch contre-rolle 'Gegenrolle' war die Zweitfassung einer Pergamentrolle, mit der man das Original überprüfen konnte. Daher bekam das Wort die heutige Bedeutung 'Aufsicht, Überprüfung'.
[2] Der Wegfall von -er- ist Lautvereinfachung wie bei Zauberin, Mineralogie (statt Zaubererin, Mineralologie).[3]

Selbstkontrolle oder Selbstbeherrschung kann nur üben, wer Normen anerkennt und sich selbst beobachtet. Die "Überwachung" erfolgt durch das Gewissen. Das ist geprägt durch unsre Erziehung. Gewissen ist moralische Kompetenz.[4]

 


Leserbrief:

Rollen als Vorläufer der Bücher sind uralt, und sie leben in Handwerksrollen fort. Ob die Kontroll-Rollen so alt sind, dass ihr Name aus dem Altfranzösischen stammt, weiß ich nicht. Der Name passt auch zum heutigen Französisch: contrerôle. Die Rolle z. B. des Schauspielers (Papierstreifen mit dem Sprechtext) ist jedenfalls in der Neuzeit entstanden.

Woher kommt rôle?

Meine Antwort:

Papyrus konnte man nicht falten, daher die antike Buchrolle (lateinisch volumen). Mit der Erfindung des Pergaments kam das gefaltete und gebundene Buch (lateinisch codex) auf. Das hatte den Vorteil, dass man auch umfangreiche Werke in einem Band unterbringen konnte. Beispiel die Bibel: Die Juden haben für ihre Bibel (unser Altes Testament) mehrere Rollen; das Neue Testament wurde von Anfang an als Codex in einem Band zusammengefasst, und selbst verständlich alle christlichen Bibeln auch.

Beim antiken Volumen steht der Text auf einzelnen zusammengeklebten Seiten quer zum Rollstab. Man rollte also je nach Schreibrichtung von links nach rechts oder umgekehrt. Beim  mittelalterlichen Rotulus schrieb man parallel zum Stab und rollte von oben nach unten. Der "Rodel" eignete sich besonders für Verzeichnisse mit kurzen Zeilen und fand anscheinend auch im Theater Verwendung.

 

Französisch rôle ist aus roole entstanden; zwischenvokalisches d/t ist ausgefallen (spatha > espede > épée 'Schwert', so auch rotulus > rodulu > roole). Circonflexe kennzeichnet normalerweise ausgefallenes s (costa > côte).

Merkwürdig ist die unterschiedliche Behandlung von lateinisch -trum/s im Germanischen und Romanischen: Petrus > dt. und engl. Peter, aber theatrum > frz. theatre / dt. Theater, engl. geschrieben theatre, gesprochen am Ende aber wie bei uns. Das liegt an der unterschiedlichen Aussprache des Schluss-r. In Groß-Zimmern und Umgebung sagt man heute noch Vaddrr, nicht Vadda, im Westerwald ähnlich.

 

 

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Echo Online

Sprachecke 10.01.2017

 

Datum: 03.01.2017

Aktuell: 11.07.2017