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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

Enten und Legenden

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Enten sind nicht nur Vögel, sondern auch Falschmeldungen in der Presse. Dieser Ausdruck ist im Deutschen erstmals um 1840 in einer Karikatur bezeugt: Ein Journalist bemüht sich, keins der vielen Eier auf dem Boden zu zertreten, also mit der Pressezensur zurechtzukommen, prüft vorne mit der Feder die Windrichtung und posaunt hinten die neusten Sensationsmeldungen aus. An seiner Tasche hängen zwei "Journal Enten"[1], Import aus Frankreich, wo canard 'Ente' ebenfalls 'Falschmeldung' bedeuten kann. Solche "Enten" waren Folgen der Pressezensur: Halbwahrheiten, da die ganze Wahrheit zu schreiben verboten war.[2]

Falschmeldungen hießen damals in der Schweiz Lügenten[3], eigentlich Lügénden, eine böswillige Entstellung von Legenden (schon 16. Jahrhundert). Die aufgeklärten Menschen glaubten nicht mehr den phantastischen Legenden, die in der Kirche über den Tagesheiligen verlesen wurden. Lateinisch legenda 'zu lesende' nannte man die Lebensbeschreibungen der Heiligen.[4]

Der heutige Tagesheilige Valentin wurde als Märtyrer hingerichtet. Von ihm schreibt die mittelalterliche "Goldene Legende"[5], er habe vor Gericht seinen Glauben bezeugt und vor seinem Tod noch ein blindes und taubes Mädchen geheilt und damit die Eltern bekehrt.[6] Viel weiß man also nicht, man musste aber etwas erzählen. Wen wundert's, dass die Legende immer mehr ausgeschmückt wurde? Die heutige Sage vom Patron der Verliebten geht auf einen englischen Brauch zurück, nach dem man am Valentinstag einer durchs Los ermittelten Person des anderen Geschlechts Geschenke machte,[7] ähnlich wie unser "Wichteln".[8] Viele Bräuche sind nach dem jeweiligen Heiligentag benannt, haben aber mit dieser Person gar nichts zu tun.
Bräuche haben ihren eigenen Wert, unabhängig davon, ob die Legende wirklich so geschehen ist. Sie können gute Gedanken verfestigen, ausufern, entarten, in die falschen Hände geraten. Es liegt an uns, was wir daraus machen.
[9] Die katholische Kirche bietet an, am Valentinstag Verliebte zu segnen. Das ist gewiss eine gute Sache.

 

[6] englische Übersetzung: Internet History Sourcebooks

zur Überlieferung:
Valentinstag

[9] Dr. Bernd Brenk, Gernsheim, 17.01.2017 brieflich

 

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Echo Online

Begriffe: Wahrheit und Lüge | Sprachecke 03.05.2005

 

Datum: 14.02.2017

Aktuell: 16.02.2017