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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Luftige Geister[1]

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Halloween und Fastnacht sind zwar vorbei. Aber wie verkleidet man sich als Gespenst? Man hängt sich ein Betttuch übern Kopf mit Löchern für Augen und Mund, ganz einfach. Wie kam man auf diese Idee? Auch ganz einfach: Gespenster sind Totengeister. Über Leichen legt man heute noch aus Pietät ein Tuch. Wenn sich die Seele vom Körper löst, was geschieht dann? Sie fliegt weg - mit dem Tuch überm Kopf. So wird das sichtbar, was man nicht sehen kann: eine Gestalt.

Woraus besteht diese Gestalt? Im 19. Jahrhundert sagte man: "Aus einer feinstofflichen Substanz"[2], auf Deutsch: aus Atomen, aber dünner als Gas. Anders konnte man nicht denken. Die ursprüngliche Vorstellung aber war: Was den Toten vom Lebendigen unterscheidet ist, dass er nicht mehr atmet. Mit dem letzten Atemzug weicht das Leben aus dem Körper, verlässt ihn die Seele.[3] Der letzte Atemzug ist nur ein Bild für den komplexen Begriff Leben. Das ist wie das Atmen keine "Substanz", sondern ein Vorgang.

Im Altertum stellte man sich Geist nicht als eine Art Luft vor, sondern als Luftbewegung, Hauch, Wind (lateinisch spiritus,[4] griechisch pneûma[5]). Auch hier hat sich der Geistesbegriff "materialisiert": Zu Beginn der Neuzeit wurde Spiritus zu 'Destillat' und 'Alkohol', schon im Altertum bezog man pneumatikós 'geistig' auf Druckluft, daher pneumatisch.

Unser Wort Geist geht von der seelischen Erregung aus (altenglisch gáestan 'erschrecken, ängstigen', hessisch vergaastert 'verängstigt, entsetzt'), das ist so wenig "feinstofflich" wie unsre Gedanken. Entgeisterung ist wie Begeisterung auf andere Menschen übertragbar, genau wie unsre Gedanken, die Jahrtausende weiterwirken können.[6]

 

 

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Echo Online

Begriffe: Psychologie | Unsterblichkeit

 

Datum: 04.04.2017

Aktuell: 30.03.2017