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Heinrich Tischner

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64625 Bensheim

Mut- und Wutbürger

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Unsere Bundespräsidenten haben nicht viel zu sagen, aber wenn sie etwas zu sagen haben, dann hat das Hand und Fuß und wird gehört. Vielen könnte man den Titel "Mutpräsident" verleihen. Sie zeichneten sich durch das aus, was eigentlich von jedem Bürger erwartet wird: Mut, offen und sachlich ihre Meinung zu sagen. Der Ausdruck Mutbürger kam 2010 auf im Zusammenhang mit den Protesten gegen den Neubau des Stuttgarter Hauptbahnhofs als Gegenwort zu Wutbürger.[1]

Mut und Wut sind das Gegenteil von Zaghaftigkeit und Angst, aber mit dem Unterschied, dass Mut mit Besonnenheit, Wut dagegen mit Unbesonnenheit verbunden ist. Beide Wörter haben in ihrer Geschichte ihren Charakter gewandelt:

Mut war im Germanischen 'seelische Regung', im Gotischen und Altnordischen 'Zorn', im Westgermanischen allgemein 'Sinnesart, seelische Verfassung' (guten / frohen Muts, Edelmut, Unmut, Großmut, Übermut, mutwillig).[2] Das heutige Verständnis 'Wagemut, Furchtlosigkeit' gibt es erst seit 1500.[3]

Auch Wut ist eine 'seelische Regung' und auch die heutige Bedeutung 'unbeherrschte Aggressivität' kam spät auf, im 17. Jahrhundert.[4] In jüngster Zeit hat Wut offenbar seinen Konkurrenten Zorn verdrängt.[5] Althochdeutsch war wuot 'Raserei, Wahnsinn', altenglisch wôdh 'wahnsinnig' und 'Klang, Lied, Dichtung, Beredsamkeit'. Ausgangspunkt ist wie in den keltischen Parallelen die Bedeutung 'besessen, inspiriert': Ein Dichter braucht ja auch heute noch Ideen, die ihm zufliegen, und ein Sänger muss sich so in sein Lied hineinversetzen, dass er davon wie "besessen" wird.[6] Die genaue Entsprechung zu Wut finden wir in altindisch vâta- 'Wind', während vâyú 'Wind' zu althochdeutsch wâjan 'wehen' passt.[7]

 

[1] Die Zeit, 28.10.2010, Nr. 44

 

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Echo Online

Begriffe: Psychologie

 

Datum: 11.04.2017

Aktuell: 30.03.2017