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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Versklavte Wörter

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn wir neue Wörter bilden wollen, steht uns ein reicher Schatz an Wortbausteinen zur Verfügung mit Vorsilben (Präfixe wie be- und ver-) und Nachsilben (Suffixe wie -ieren und -ung). Einige Suffixe sind "versklavte Wörter", die ihre Selbständigkeit verloren haben und dienen müssen:

-lich ist noch erhalten in gleich (aus ge-leich), mit verkürztem Präfix ge- (wie in Geleise/ Gleis, gerade/ grad).[1] Gleich ist Adjektiv zu althochdeutsch lîch 'Leib, Gestalt', auch 'Körper eines Toten, Leiche' und hat die Bedeutung 'mit derselben Gestalt'.
Das unbetonte Suffix -lich hat seine alte Länge verloren.
[2]
Man hat es im Deutschen lange verwendet, um Adverbien zu bilden: dem Adjektiv "ewiges Leben" entspricht das Adverb "ewiglich leben". Es kann aber auch bedeuten 'so ähnlich wie' (froh/ fröhlich) und wird benutzt, um Adjektive aus Substantiven zu bilden: Sache/ sächlich 'Neutrum' (mit Umlaut). Sachlich 'objektiv' hat keine "Zöpfe", damit man sie von ihrer Zwillingsschwester sächlich unterscheiden kann. Mit ver- kann man aus dem Adjektiv ein Verb machen (versachlichen).

Auch -tum ist ein "versklavtes Wort".[3] Im Mittelhochdeutschen war tuom noch frei und bedeutete 'Herrschaft' (Fürstentum), 'typischer Zustand' (Christentum). Dazu gehört auch Ungetüm 'riesiges Etwas'. Es besteht nur aus Bausteinen: verstärkendes un- (wie in Unwetter), zusammenfassendes ge- (wie in Gebirge) und ‑tum. Voraus gehen mundartliche Formen wie bairisch untüem 'ungewöhnlich auffallend, sehr' und das einfache tum 'sehr viel'.[4] Das althochdeutsche tuom hatte noch die ursprüngliche Bedeutung 'Urteil, Gericht, Recht' (verwandt mit russisch dúma 'Parlament').[5] Heute ist es nur eine Ableitungssilbe.

 

Schmeller

 

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Echo Online

 

Datum: 13.06.2017

Aktuell: 08.06.2017