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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Herr und Gescherr

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Ich hatte gerade gelernt, dass die Essgefäße "Geschirr" und nicht "Gescherr" heißen. Und dann das: Dieselbe Lehrerin erklärte uns ohne rot zu werden das Sprichwort: "Wie der Herr, so's Gescherr."[1]

Dieses ist erstmals 1843 bezeugt, und zwar als Beispiel für willkürliche Änderungen des Reims wegen.[2] Dabei ist nicht bedacht, dass -err statt -irr in den rheinfränkischen Mundarten üblich ist.
Der Volksmund liebt unsaubere Reime, wenn es um unordentliche Führung geht, nicht nur im Deutschen. Das zeigen tschechisch "jaký pán, takový krám, wie der Herr, so der Laden" und russisch "kakov pop, takov i prichod, wie der Pfarrer, so die Gemeinde."[3] Einen sauberen Reim, aber einen unpassenden Vergleich hat das lateinische "qualis rex, talis grex, Wie der König, so die Herde" (1728).[4] Es gibt aber ein lateinisches Sprichwort ohne Reim aus der Zeit Neros: "Qualis dominus, talis et servus, wie der Herr, so der Knecht."[5]

Was ist mit Geschirr gemeint? Nicht die Haushaltsgefäße, für welche die Hausfrau zuständig war, sondern das Riemenwerk für die Zugtiere, wie Halfter, Kummet, Rücken- und Schwanzgurt, Zugstränge und Leinen.[6] Wenn der Knecht vor der Abfahrt eine halbe Stunde brauchte, bis er die Riemen und Seile entwirrt hatte, dann war es kein Wunder, dass das Pferd nur drei Hufeisen trug und die Wagenräder nicht geschmiert waren. Und wer war dafür verantwortlich? Nicht der Knecht, sondern der Bauer (Herr), der musste darauf achten, dass alles ordentlich gepflegt und gewartet wurde.
Geschirr hatte im 19. Jahrhundert noch eine viel weitere Bedeutung, nicht nur 'Riemenwerk', sondern auch das ganze Fuhrwerk mit Tieren und Wagen, auch 'Arbeitsgerät' allgemein.[7]

 

[2] Kleinpaul, Ernst: Die Lehre von den Formen und Gattungen der deutschen Dichtkunst. S. 40

 

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Datum:

Aktuell: 16.02.2018