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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Er will mich fressen

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Tobias wurde von seinem Vater in ein fernes Land geschickt. Er sollte das bei einem Freund verwahrte Geld holen. Onlinebanking gab's noch nicht und Flugreisen auch nicht. Der Vater suchte und fand einen erfahrenen Reisebegleiter. Sie machten sich auf den Weg und wollten sich in einem Fluss erfrischen. Da kam ein großer Fisch und sperrte sein Maul auf. Tobias schrie vor Angst: "O Herr, er will mich fressen."[1]
Das sagten unsre Lehrer, wenn ein Schüler gähnte. Gähnen ist die älteste Lüge der Welt: Man deutet an: "Ich will dich fressen" und meint bloß: "Lass mich in Ruhe, ich will schlafen." Das verstehen auch Tiere. Da bekam eine Drohgeste eine neue Bedeutung.

Gähnen bedeutet 'den Mund weit aufmachen'.[2] Das germanische Wort hat direkte Verwandte nur noch im gleichbedeutenden griechischen khaínein und wäre zum Gähnen langweilig, wenn es nicht die weitere Verwandtschaft gäbe:
Der Gaffer
[3]
, der sehen will, "wo der Katze das Bein zwei ist"[4] und die Rettungskräfte sträflich behindert, reißt die Augen auf und kriegt vor Verwunderung den Mund nicht zu.
Beim Gähnen spreizen wir die Kiefer und beim Gehen
[5] die Beine. Gehen ist Bewegung durch den Raum und Geschehen[6] durch die Zeit.
Gaul, das hessische Wort für 'Pferd', bedeutete im Mittelalter 'Teufel, Ungeheuer', mit aufgerissenem Rachen.
[7] Noch 1878 drohte man den jungen Leuten: "… sunst schluckt euch doch de Deiwel zuletzt mit Haut un Hoor."[8]
'Rachen, Schlund' ist auch die Grundbedeutung von Chaos 'gähnende Leere, leerer Raum', daher seit dem 16. Jahrhundert auch 'Luft'
[9] und davon inspiriert das Kunstwort Gas.[10]

Tobias wurde natürlich nicht gefressen, sondern hat nach und nach den Fisch verzehrt.

 

 

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Echo Online

 

Datum: 16.01.2018

Aktuell: 11.01.2018