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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Komisches Koma

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Wenn jemand im Koma liegt und bewusstlos ist, ist das alles andere als komisch. Was haben diese beiden Wörter gemein?

Griechisch keî-sthai war 'liegen', koi-mân 'ins Bett bringen, einschläfern', kôma der 'Tiefschlaf', daher unser Koma 'Bewusstlosigkeit'. Genauso gebildet ist kômos, das war ein Fest des Weingotts Dionysos, man könnte übersetzen 'Gelage'. Mit von der Partie ist noch kômê 'Dorf', eigentlich 'Lager', verwandt mit unserm Heim, das im Gotischen ebenfalls 'Dorf' bedeutete.[1]

Bei den Dionysosfesten trugen kôm-ô[i]doí 'Festsänger' Oden vor, das waren Lieder, genauer Spottlieder. Daraus entwickelte sich eine szenische Darstellung, kôm-ô[i]día, die Komödie.

Das eingeklammerte i wurde nicht ausgesprochen. Die Römer haben es in Unteritalien aber noch gehört und schrieben "comoedia", mit "oi", später mit "e" (wie französisch comedie). Die deutsche Aussprache mit "ö" kam in der frühen Neuzeit auf, als man umgelautetes o mit "oe", später "ö" schrieb.

Komisch, griechisch kômikós, ist das Adjektiv von Komödie, eine Klammerform ohne den mittleren Teil -ô[i]d-. Ein "komischer Dichter" ist kein wunderlicher oder lächerlicher Poet, sondern schreibt Komödien. Kômikós bekam aber schon im Griechischen die Bedeutung 'witzig, scherzhaft, lächerlich', nicht aber im Lateinischen. 'Lustig' kam erst im 17. Jahrhundert im Französischen auf, kurz darauf auch bei uns, und nach 1800 auch 'seltsam, wunderlich'.

Das deutsche Ersatzwort Lustspiel ist seit 1645[2] bei Philipp von Zesen[3] nachweisbar,[4] das Gegenwort Trauerspiel 1648[5] bei Georg Philipp Harsdörffer.[6]

Dieses steht für Tragödie, von griechisch tragô[i]día, ursprünglich ein Dialogwettbewerb auf der Bühne, dessen Sieger einen trágos 'Bock' als Preis erhielt. Die klassischen Tragödien handelten vom Schicksal, dem niemand entrinnen kann, erschütternde Geschichten ohne Happy End. Die Veranstalter zeigten anschließend zum Aufheitern noch eine Komödie. Griechisch tragikós 'tragisch' bedeutete auch 'theatralisch, pathetisch'. Die Bedeutung 'traurig' kam erst im Lateinischen auf.[7]

Die römische Entsprechung zur Komödie war die Satire, eine scharfzüngige Kritik an menschlichen Torheiten und Lastern. Sátura 'volle Obstschüssel' war Titel einer Gedichtsammlung, in der auch Spottverse standen, zu lateinisch satur, das unserm satt entspricht. Das unbetonte u wurde später i oder y geschrieben, daher sátira als Name einer neuen Literaturgattung.[8]

 

[1] Kreuzdenker, Etymologie: civis

[2] Adriatische Rosemund - Philipp von Zesen

[3] Philipp von Zesen – Wikipedia

[4] Adriatische Rosemund - Philipp von Zesen

[5] Poetischer Trichter - Georg Philipp Harsdörffer

[6] Georg Philipp Harsdörffer – Wikipedia

[7] …, Etymologie: Tragödie

[8] …, Etymologie: Satire

…, Diskussion: Satire

 

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Begriffe: Freude | Theater

 

Datum: 30.01.2018

Aktuell: 16.02.2018