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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Präsentes Präsens

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Gegenwart[1] ist eigentlich 'das uns zugewandte Gegenüber', der 2. Teil ist das Substantiv zu -wärts 'in Richtung auf' (aufwärts 'nach oben', vorwärts 'nach vorn'). Gegenwart ersetzte vor 1600 ein älteres Gegenwärtigkeit, das zurückgeht auf althochdeutsch gaganwartî 'anwesend, verfügbar'. Dementsprechend bedeuteten die beiden Substantive bis 1800 ausschließlich 'Anwesenheit', meist in der Wendung "in Gegenwart von" 'im Beisein von'. Wenn man die 'heutige Zeit' meinte, sagte man "die gegenwärtige Zeit", so nannte man auch das grammatische 'Präsens'. Gegenwart in diesem Sinne ist erst 1806 bezeugt.

Gemeint ist nicht der Augenblick, in dem der Berichterstatter erzählt oder der Leser liest, sondern die Zeit, von der die Rede ist. Wenn eine 4000 Jahre alte Quelle schreibt, der Vater eines Menschen aus grauer Vorzeit habe gesagt: "In Uruk wohnt Gilgamesch"[2], so ist das für den Vater Gegenwart, auch wenn es schon für den Erzähler ewig lange her war.

Das lateinische Partizip prae-sens[3] bedeutet 'vorn seiend: vorliegend, vorhanden'. Für uns wichtig sind die Sonderbedeutungen 'anwesend; derzeitig' und von daher schon zur Zeit Caesars tempus praesens 'grammatische Gegenwart',[4] 1767 als Präsens auch im Deutschen. Für 'Anwesenheit' bildete man praesentia, deutsch Präsenz schon im Mittelhochdeutschen, dazu präsent 'anwesend'. Von lateinisch praesentare 'zeigen, schenken' kommt in beiden Bedeutungen schon mittelhochdeutsch präsentieren. Ein Soldat präsentierte dem Feind die Waffe, er bedrohte ihn; heute präsentiert er nur noch bei zeremoniellen Anlässen. Schon um 1300 gab's Präsente 'Geschenke', mit denen man sich sehen lassen konnte und die man bei Staatsakten überreichte.

 

 

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Echo Online

Grammatische Ausdrücke des Verbs | Sprachecke 27.03.2018 | 10.04.2018

 

Datum: 03.04.2018

Aktuell: 28.03.2018