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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Getretner Quark[1]

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Leserbrief

 

"Getretner Quark wird breit nicht stark. Schlägst du ihn aber mit Gewalt In feste Form, er nimmt Gestalt."[2] Damit er fest wird, muss man ihn laut Goethe in eine Form schlagen. Ausufernder Wortschwall gibt Quatsch, man muss die Worte wählen und zählen, damit sie Tiefe bekommen.

Der echte Quark aus Milcheiweiß hat damit nichts zu tun. Man gewinnt ihn aus Dickmilch, veredelt ihn mit Zutaten oder lässt ihn zu Käse reifen. Quark kommt von slawisch tvarog, das seinerseits mit griechisch tyrós verwandt ist und aus indogermanisch twer- 'drehen, quirlen'[3] abgeleitet ist, wohl im Sinn von 'gerührt' oder 'geschlagen'.[4] Wie in hessisch Quetsche 'Zwetschen' ist tw- nicht zu zw-, sondern zu qu- geworden.[5]

Der zweite wichtige Bestandteil der Milch ist Milchfett,[6] westdeutsch Rahm, ostdeutsch Sahne. Wie bei Quark und Käse[7] zu erkennen, hatten's die Germanen nicht mit der Milchwirtschaft, alle diese Wörter sind Fremdwörter: Rahm kommt von iranisch rougma 'Öl, Butter', althochdeutsch roum, das im Westmittel­deutschen zu Rahm geworden ist wie Baum zu Baam.[8]

Die ostdeutsche Sahne dagegen wurde von flämischen Siedlern in die Mark Brandenburg gebracht. Zugrunde liegt wohl ein keltisches soimen,[9] das unserm Seim 'klebrige Flüssigkeit' entspricht.[10]

Im heutigen Sprachgebrauch ist Sahne mehr das veredelte Produkt (Schlagsahne, Kaffeesahne), Rahm mehr das oben schwimmende Milchfett, das man abschöpfen kann.

Aus Rahm macht man Butter. Der Name kommt übers Lateinische aus griechisch boú-tyron, eigentlich 'Kuhkäse', vielleicht nicht im speziellen Sinn von 'Käse', sondern von 'Gerührtem, Geschlagenem'.[11] Im Südwesten sagt man dafür Anke, verwandt mit lateinisch unguen 'Fett, Salbe'.[12]

 

 

   

 

Leserbrief:

Meine damalige Freundin und ich führten 1969 / 70 als Studentenjob eine Umfrage durch, was sich beliebig ausgewählte Leute auf der Straße unter Kaffeesahne vorstellen und ob sie so etwas in ihren Kaffee schütten würden. Daraufhin folgte eine größere Werbekampagne der Milchindustrie für dieses Wort. Bis dahin gab es nur Kondensmilch.

 

Meine Antwort:

Kondensmilch und Kaffeesahne wurden anscheinend unterschiedlich gebraucht:

Kondensmilch: ab 1903, bis heute

Kaffeesahne: ab 1936, offenbar im Rahmen der allgemeinen Einführung von Molkereien in den 30ern.

Nach Wikipedia ist

Kondensmilch 'eingedickte Milch' (mit weniger Wasser)

Das war ursprünglich eine Methode um Milch zu konservieren, wie Obst, Gemüse und Fleischwaren In Deutschland und den Niederlanden diente sie zum größten Teil als Kaffeezutat.

Kaffeesahne 'Milch mit einem gewissen Fettgehalt' (Sahne) für den Kaffee.

Weniger Wasser oder mehr Fett, läuft ungefähr aufs Gleiche hinaus.

Offenbar gab's auch regionale Unterschiede: Sahne ist ursprünglich ostdeutsch und "preußisch", also wohl auch Kaffeesahne und beides klingt vornehmer als das ordinäre Rahm und Kondens-, Büchsen-, Dosenmilch. Und schließlich ist Sahne exquisiter als Milch und war in der schlechten Zeit eine Art Statussymbol. Ich kann mich entsinnen, wie man in der Nachkriegszeit geprahlt hat mit "guter Butter" und wie noch in den 60ern im Betrieb die Butteresser über die gelästert hatten, die sich bloß Margarine leisten konnten. Kaffeesahne ist auch eindeutiger, da man Kondensmilch auch für andere Zwecke verwendet.

   

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Echo Online

 

 

Datum: 03.07.2018

Aktuell: 07.07.2018