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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Vom Wesen des Seins

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

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Gibt es das Sein? Natürlich, denn das Wesen des Seins ist, dass es "ist", das heißt existiert. Gibt es auch das Nichts? Selbstverständlich. Was ist denn ein Loch anderes als ein gerahmtes Nichts? Ich will jetzt nicht weiter grübeln über den Unterschied zwischen dem Sein und dem Seienden. Das ist was für Philosophen, nicht für die Sprachecke.

In der Grammatik ist sein ein Infinitiv und seiend das Partizip Präsens. Die Formen des Verbs sind gebildet aus den Stämmen es- (sein, sei, ist, sind), bi-[1] (bin, bist) und wes-[2] (gewesen und ablautend war, ursprünglich was wie im Englischen). Das dazugehörige Substantiv ist das Wesen, das alte Partizip steckt in anwesend, abwesend. Die Begriffe seiend und das Sein haben die Philosophen aus dem Griechischen übernommen.

Ähnlich ging es auch den Römern. Auch sie benutzten unterschiedliche Stämme (es- und fu-, unser bi-) und kamen bis Caesar ohne das Sein und seiend aus. Den einzigen Luxus, den sie sich leisteten, waren die zusammengesetzten Partizipien práe-sêns 'örtlich anwesend, zeitlich gegenwärtig' und áb-sêns 'abwesend'.

Das änderte sich, als sie sich mit den griechischen Philosophen beschäftigten. Caesar soll die neue Form êns 'seiend' geprägt haben, Seneca, der Lehrer des Kaisers Nero, bildete aus einem Partizip éssêns das Substantiv esséntia 'das Wesen'. Wir kennen dieses Wort als Essenz 'konzentrierte Lösung', in der das Wesentliche einer Substanz enthalten ist wie bei der Essigessenz. Da hat ein philosophischer Begriff eine praktische Verwendung gefunden.

Caesars êns ist noch interessanter. Denn der mittelalterliche Theologe Thomas von Aquin hat daraus êntitas 'Wesenheit' abgeleitet. Es spielte in der deutschen Philosophie als Entität eine gewisse Rolle. Eine praktische Nutzanwendung fand die Weiterbildung id(em)-entitas 'dasselbe Wesen, Wesenseinheit', davon kommt deutsch Identität 'die Übereinstimmung von Wahrnehmung und Erinnerung'. Wir sind ja ständig damit beschäftigt, etwas zu identifizieren: Wir erkennen Menschen wieder und finden unsre Koffer bei der Gepäckausgabe. Wir verbinden Wörter mit Vorstellungen in unsern Köpfen. Die Polizei kennt den Täter nicht persönlich und muss sich auf die Beschreibungen der Zeugen verlassen. Wenn sie dann einen Verdächtigen verhaftet, hat man festgestellt, dass die Beschreibungen auf ihn passen, dass die festgenommene Person und der gesuchte Täter wahrscheinlich identisch sind. Manche Menschen legen sich eine neue Identität zu, sie verändern ihr Aussehen, führen einen anderen Namen und ziehen in eine Gegend, wo man sie nicht kennt. Identität hat hier die Bedeutung 'unverwechselbare Besonderheit einer Person' angenommen.

 

[2] …, …: *hes- 'sein, leben'. Es- und wes- sind Varianten

 

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Echo Online

 

Datum: 31.07.2018

Aktuell: 24.07.2018