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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

der Bach / die Bach

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Frage:

Heute habe ich auch mal eine Frage, die sich aus Darmstädter Flüsschen ergab: Welche Regel (oder Erklärung) steckt dahinter, daß es der Darmbach, aber die Saubach, die Mühlbach und der Ruthsenbach, die Silz und der Mörsbach heißt? Das läßt sich natürlich weiter ausdehnen auf alle deutschen Flüsse.

   

   

Meine Antwort:

Dasselbe Problem haben wir ja auch bei Dem Rhein und Der Donau (lateinisch Danuvius, männlich). Die Rhone hieß lateinisch Rhodanus (männlich), Die Seine aber Sequana (weiblich). Warum das so ist und war, lässt sich schwer sagen; vielleicht haben lokale Dialekte eine Rolle gespielt und volkstümliche Vorstellungen, ob das Gewässer von einem Gott oder einer Göttin beherrscht wird. Denselben Gegensatz finden wir übrigens auch bei Dem See = Teich und Der See = Meer.

Was Den Darmbach und Die Saubach anbetrifft, spielt das alte Nebeneinander von hessisch Die Bach und hochdeutsch Der Bach eine Rolle. Die einzelnen Bachnamen wurden also in unterschiedlicher Weise ins Hochdeutsche übernommen. Das gab es halt keine zentrale Instanz, die das geregelt hat, sondern der eine hat so und die andere anders geschrieben. Ich nehme an, dass im alten örtlichen Dialekt alle Bäche weiblich sind.

Um den Geschlechtswechsel auch nur annähernd zu verstehen, sollte beachtet werden, dass es solche Unsicherheiten ja auch anderweitig gibt, z.B. hessisch der Kartoffel, der Brill, schwäbisch der Butter, sogar bei Neuwörtern: Heißt es Das Email oder die Email? Sonne und Mond haben in fast allen nicht germanischen Sprachen das umgekehrte Geschlecht. Fast überall auf der Welt ist der Himmel männlich, die Erde weiblich. Bei der alten Ägyptern war's umgekehrt. Die Göttin Nerthus (Tacitus) wurde von den Nordgermanen als Gott Njörd verehrt usw.

Die mythologischen Vorstellungen, die unsere Vorfahren bewogen haben, das eine Objekt als weiblich, das andere als männlich anzusehen, lassen sich heute kaum noch nachempfinden. Bei manchen Wörtern hat man wohl nachträglich eine Endung als männlich und weiblich interpretiert (Kartoffel wie Pantoffel, Butter wie Teller, Schneider). In der Antike war nicht unbedingt ausgemacht, dass mit einer Endung ein bestimmtes Geschlecht verbunden war: lat. nauta 'Seemann', agricola 'Bauer' , Aegyptus, Nerthus (weiblich).

Bei Bach liegen sogar zwei germanische Formen vor baki und bakjaz; männliches und weibliches Geschlecht kommen nebeneinander in mehreren germanischen Sprachen vor.

Auch Ländernamen behandeln wir nicht einheitlich: Wir sagen Der Iran, der Sudan (weil wir -an als männlich ansehen?), dagegen sind Afghanistan, Pakistan geschlechtslos und ohne Artikel, ebenso Deutschland, Russland, England, Frankreich, Österreich. Die Erdteile waren im Lateinischen weiblich, wir aber sagen das alte Europa, das schwarze Afrika.
Ob's gefühlsmäßig bei der Mühlbach und dem Darmbach eine Rolle spielt, dass die Mühle weiblich und der Darm (vermeintlich) männlich ist?

 

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Datum: 2004

Aktuell: 16.02.2018