Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Eszett

Email:

   

Frage:
So gerne ich Ihren Artikel gelesen habe, muss ich Ihnen in zumindest einem Punkt widersprechen:
"Es gibt nur einen Fall Eszett, nämlich Maße / Masse."
Mir fällt auf Anhieb ein weiterer Fall ein (vielleicht auch noch mehr, es kommt darauf an, wie altmodisch, bzw. ungebräuchlich das Deutsche dann werden darf).
Sollte ich im Unrecht mit meiner Meinung sein, daß das "Eszett" nicht gänzlich nutzlos ist, gelobe ich, mich in einen der Buße nach Darmstadt zu setzen und in einer der dortigen Kirchen Busse zu tun.

Ich habe daraufhin die beiden Wörter in meinem Aufsatz ergänzt.

   

   

Leserzuschrift
Zum Thema Eszett möchte ich Ihnen als leidgeprüfter Betroffener eine Geschichte erzählen.
Sie setzt auf Ihrer Bemerkung auf: "Wenn wir nur Großbuchstaben schreiben, setzen wir an die Stelle von ß doppeltes s Eszett" Erzählen Sie das einmal einer Behörde! Die sehen das ganz anders.
Mein standesamtlicher Familienname ist Xxxxß. In meinem Pass steht XXXXß.
In den achtziger Jahren hatte ich bei der Einreise in ein diktatorisch geführtes Land sehr unangenehme Erlebnisse, weil ich auf die Frage des Einreise-Beamten phonetisch richtig angab, mein Name sei Xxxxß. "Hier steht Xxxxb!" Sofort wurde ich aus der Routinekontrolle herausgeführt und hatte einiges durchzustehen, bis man mir die deutsche Besonderheit abnahm und - das war aber wohl die Hauptsache - von meiner Harmlosigkeit überzeugt war.
Damals hatte man beim Einwohnermeldeamt ein Einsehen und einige Jahre lauteten meine Pässe auf XXXXSS. Neuerdings wird das nicht mehr akzeptiert, aber zum Glück habe ich auch keine Reisen dieser Art mehr auf dem Programm, so daß ich mich als XXXß durch die Welt bewege.

Ich habe die anderen Buchstaben des Familiennamens durch xxxx ersetzt.

 

    Frage:
Eine Leserin verweist auf einen Artikel aus aus dem „Meisterbuch der Schrift" von Jan Tschichold. Demnach soll <ß> nicht aus <ſ + ʒ>, sondern aus <ſ + s> entstanden sein.

 

   

Meine Antwort:
(überarbeitet nach neuen Erkenntnissen):

1. Wir müssen wohl unterscheiden zwischen der wirklichen Herkunft der Buchstabenverbindung und der modernen Deutung als <s + z>. Diese geht mindestens bis in die 1. Hälfte des 18er-Jahrhunderts zurück. Im Grimmschen Wörterbuch steht konsequent STRASZE, Strasze.
2. In deutschen Handschriften erscheint ſʒ seit dem 14er Jahrhundert, noch um 1350 stand ʒ. Auch in Drucken der Reformationszeit in "Lutherischer Fraktur"  findet sich dieses Zeichen.

Die Ligatur ſs habe ich in einem lateinischen Druck von 1565 gefunden.

3. Hilfestellung bekomme ich auch aus dem Ungarischen: Da wird <sz> wie /s/ und einfaches <s> wie /š/ gesprochen. Letzteres geht auf die mittelalterliche Schreibung smal, snel, sprechen, starc, swarz zurück, wo auch im Deutschen einfaches <s> für gesprochenes /š/ stand. Die Schreibung <sz> dagegen scheint unserem <ß> nachempfunden zu sein. Nach der Microsoft Encarta stammt der älteste ungarische Text aus dem 12er-Jahrhundert und trägt den bezeichnenden Titel "Halotti Beszéd" ('Leichenrede'). Mag sein, dass das die moderne Schreibung ist.
4. Wie in meinem Sprachecken-Aufsatz gezeigt, entspricht modernem <ß>, mittelhochdeutschem und althochdeutschem <z> sprachgeschichtlich ein germanisches /t/. Dieses wurde erst ab 1300 nachweislich als scharfes /s/ gesprochen und konnte mit anderem /s/ (nicht nur <ss>, sondern auch z.B. <sp = ßp> verwechselt werden. Von daher ist die Kombination <ſ + ʒ>, d.h. neue Aussprache /s/ und alte Schreibung <z> verständlich.

 

nach oben

Übersicht

 

Artikel Sprachecke | Buchstabe ß

 

Datum: 2004

Aktuell: 16.02.2018