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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Fremdwörter

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Frage:

Sprache ist ein hohes Kulturgut und ich bedauere es, dass zunehmend der Umgang mit unserer deutschen Sprache verludert. Zunehmend werden englische Wörter und Begriffe verwendet, sodass ich manchmal den Sinn gar nicht verstehe. Oder es haben sich die fürchterlichsten Abkürzungen eingeschlichen, die nur mit Mühe zu enträtseln sind.

Müssen wir als Volk der Dichter und Denker in einem solchen Kulturraum leben?

Im Umgang mit meinen Enkeln versuche ich sprachliche Entgleisungen zu berichtigen.

   

   

 

Meine Antwort:

Sprache ist in erster Linie ein Verständigungsmittel. Ich versuche damit anderen etwas mitzuteilen. Dazu ist es wichtig, dass sie mich verstehen. Seit ich schwerhörig bin, habe ich gemerkt, wie schwer es ist zu verstehen und verstanden zu werden. Abgesehen von den Hörproblemen gibt es jede Menge Missverständnisse, wo ich mich nicht klar genug ausdrücke und glaube, der andere müsse es schon wissen, was ich meine.

Die Verständigung wird, wie Sie richtig sehen, dadurch erschwert, dass ich Wörter benutze, die der andere nicht kennt. Fremdwörter und „die fürchterlichsten Abkürzungen" tragen nicht zur Verständlichkeit bei.

Allerdings sind da noch ein paar andere Dinge zu beachten:

1. Wenn Sie versuchen mit mir über medizinische Fußpflege zu diskutieren, kann geschehen, dass ich nicht mithalten kann – nicht weil Sie zu viele Fremdwörter gebrauchen, sondern weil ich von dem Thema keine Ahnung habe. Jedes Fachgebiet hat seinen besonderen Wortschatz, den Uneingeweihte nicht kennen – ganz gleich, ob das deutsche Ausdrücke oder Fremdwörter sind. Es hat sogar seine Vorteile, wenn man sich in einer Fachsprache eines international genormten Wortschatzes bedient, da fällt es nämlich einem ausländischen Spezialisten leichter zu verstehen.
Auch außerhalb von Berufsfachwissen gibt es Fachgebiete, z.B. Computerwesen, Sport, Unterhaltung, Religion, Politik. Die Zeitungen müssen wohl oder übel die entsprechenden Fachausdrücke aufnehmen, wenn sie über die entsprechenden Themen berichten.

2. Nach meiner Erfahrung sind es nicht nur unbekannte Wörter, die das Verständnis erschweren. Wahrscheinlich noch wichtiger ist auch die Satzkonstruktion. Was ein Wort bedeutet, kann ich notfalls im Lexikon nachschlagen. Was aber, wenn ich den Satz nicht verstehe? Neulich las ich z. B: "Das Stadtbild verschandelt die Verkehrsüberwachungsanlage." Das kann doch nicht wahr sein! Aus dem Zusammenhang ergab sich, dass die Anlage der Übeltäter ist (falsche Wortstellung).

3. Vor ein paar Jahren machte meine Frau eine Polenreise und versuchte sich mit den Grundlagen der polnischen Sprache bekannt zu machen. Mir fiel dabei das Wort samochod auf. Haben Sie eine Vorstellung, was das sein soll? Ein anderer Slawe würde so etwas wie ‚Selbstfahrer’ herauslesen. Ob er damit begreift, was gemeint ist, glaube ich nicht. Oder kommen Sie darauf, dass samochod = ‚Selbstfahrer’ = Automobil (griechisch ‚selbst beweglich’) = Auto ist? Man kann also mit der Einführung einheimischer Ausdrücke des Guten auch zu viel tun. Nicht nur Fachbegriffe, sondern auch neue Gegenstände dürfen Namen haben, die nicht ohne weiteres verständlich sind.

4. Zufällig habe ich mich heute in der Sprachecke über Computerbegriffe ausgelassen, die ja auch unter das Thema fallen, das Sie angesprochen haben. Sie werden den Artikel gelesen haben. Bei den englischen Fachausdrücken habe ich, wie gezeigt, Mühe, sie in einen deutschen Satz einzubauen. Das spricht wiederum dafür, deutsche Wörter zu verwenden.

Ein ganz anderes Thema ist, was Sie verludern nennen: Es werden in der Alltagssprache ohne Not englische Wörter und Redewendungen gebraucht. Vor Jahren las ich in einem Schreiben eines Schülers etwas von einem love letter = ‚Liebesbrief’. Da versucht man doch einfach in oder up-to-date (beides englisch) oder modern (französisch) oder schlicht zeitgemäß (deutsch) zu sein.

Aber solche Modeerscheinungen hat’s immer gegeben. Meine Oma, wiewohl eine einfache Landfrau, hatte einen ziemlich umfangreichen französischen Wortschatz, z. T. mit Fachvokabular wie Trottoir, Portemonnaie, aber auch mit alltäglichen Ausdrücken wie toujours, Madame. All das hat sich von selber überlebt. Meine Mutter hat jedenfalls kein einziges dieser Wörter gebraucht.

Können wir darauf hoffen, dass sich die englische Mode auch wieder überlebt? Eine solide Spracherziehung, wie Sie das mit Ihren Enkeln versuchen, ist sicher kein Fehler.

 

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Datum: 2004

Aktuell: 16.02.2018