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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Geschwisterlichkeit

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Frage:

Sehr oft wird das Wort Brüderlichkeit angewandt. Als Frau fühle ich mich davon nicht angesprochen, meiner Meinung nach sind damit nicht alle Menschen, also Männer und Frauen, gemeint. Für mich bezeichnet das Wort Geschwisterlichkeit besser den aus der französischen Revolution bekannten Begriff Brüderlichkeit.
Können Sie mir über diese beiden Begriffe etwas mehr sagen? Kann man in der heutigen Zeit das Wort Geschwisterlichkeit statt Brüderlichkeit verwenden? Ich habe mit großer Freude vor einigen Wochen die Rede von Bundestagspräsident Thierse in Paris vor französischen und deutschen Volksvertretern gelesen, und er sprach von Geschwisterlichkeit, was die französischen Volksvertreter wohl etwas irritiert hat

   

   

Meine Antwort:

Es ist sehr schwierig und mühsam, der Tatsache in der Sprache gerecht zu werden, dass es nicht nur Männer, sondern auch Frauen gibt. Teil dieses Problem ist unsere Gewohnheit, Personenbezeichnungen ohne Kennzeichnung für männlich zu halten und eine eigene Endung dran zu hängen, wenn Frauen gemeint sind. Wieso ist ein Student, Lehrer, Polizist automatisch männlich? Dann haben wir die Mühe, in der Mehrzahl immer sagen und schreiben zu müssen: Studenten und Studentinnen usw. Gerechter wäre es doch, den Männern auch eine Endung zu verpassen: Studenton / Studentin, Studentonen / Studentinnen. Das wäre nötig, wenn wirklich nur Männer oder Frauen gemeint sind, sonst könnte man für die Mehrzahl sagen Studenten, was beides beinhaltet.

Sie fragten mich wegen der Brüderlichkeit. Der Ausdruck hat in der Tat seinen jetzigen Bedeutungsgehalt durch die französische Revolution bekommen: Freiheit, Gleichheit, Brüderlichkeit. In Adelungs Wörterbuch von 1793 steht als Stichwort nur brüderlich ‚nach Art leiblicher Brüder’ mit dem Verweis „daher die Brüderlichkeit“.
Gemeint ist mit diesen Parolen: 1. Alle Menschen sind frei und keine Untertanen. 2. Alle Menschen sind vor dem Gesetz gleich, haben die gleichen Rechte und werden unabhängig vom „Stand“ für die gleichen Vergehen auf in gleicher Weise bestraft. 3. Alle Menschen sollen sich als „Brüder“ ansehen, d.h. als Angehörige derselben Bevölkerungsschicht, nicht als Herren und Knechte bzw. Mägde wie bisher. – Diese dritte Forderung ist wohl am schwersten umzusetzen, weil es da nicht nur auf den Gesetzgeber, sondern auf jeden Einzelnen ankommt.
Folglich in Schillers „Tell“ der Rütli-Schwur: „Wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern…“
Sicherlich kann man problemlos an die Stelle der Brüderlichkeit die Geschwisterlichkeit setzen, mit dem Vorteil, dass dieser Begriff nicht so ideologisch vorbelastet ist. So macht es schon seit fast 20 Jahren die evangelische Kirche.
Beide Wörter sind aber auch emotional vorbelastet. Ich denke da an das bierselige Bruderschaftstrinken oder an die Blutsbrüderschaft à la Karl May. In meiner (und hoffentlich auch in Ihrer Familie) ist es zum Glück so, dass die Geschwister zusammenhalten und einander lieben. Ich kannte auch andere Fälle, etwa Schüler- und Konfirmandengeschwister, die sich aufs Blut hassten. Mindestens sollten wir bei Geschwisterlichkeit mit bedenken, dass sich Geschwister auch manchmal streiten. Ich messe daher weder der Brüderlichkeit noch der Geschwisterlichkeit große Bedeutung bei und gebrauche beide Wörter so gut wie nie. Große Worte sind manchmal sehr hohl.
Dann gibt es ja auch noch die aggressive Meinung: „Und willst du nicht mein Bruder sein, dann schlag ich dir den Schädel ein.“ Auch das kann zur Brüderlichkeit, Geschwisterlichkeit gehören!

Wichtiger ist die Verbrüderung oder Verschwisterung. Das ist etwas Konkretes, was auch sichtbare Folgen haben kann. Wer sich formell „verbrüdert“, wird sich künftig nicht mehr siezen, sondern duzen. Städteverschwisterungen (Städte gelten als weiblich!) führen zu einer dauerhaften Partnerschaft. Ich glaube kaum, dass sich die Verbrüderung durch Verschwisterung ersetzen lässt, weil beide Wörter zu spezielle Bedeutungen haben.
Weiter fällt mit ein die Fraternisierung, wenn sich Soldaten mit der gegnerischen Bevölkerung anbiedern, was im Krieg streng verboten ist. Anbiederung ist auch im Frieden nicht immer sinnvoll. Ein Therapeut oder Berater sollte sich nicht mit dem Klienten auf eine Stufe stellen, weil er einen kritischen Abstand braucht.

Geschwister war ursprünglich nur die ‚Gesamtheit der Schwestern’ – im Gegensatz zu den Gebrüdern ‚alle Brüder’ (z.B. „Gebrüder Grimm“). Aber schon im Mittelalter hat das Wort die Bedeutung ‚alle Schwestern und Brüder’ bekommen – eine Besonderheit, auf die wir Deutsche stolz sein können. Im Französischen und Englischen gibt es diesen Begriff nicht. Folglich blieb den Revolutionären nur die fraternité.

 

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Datum: 2004

Aktuell: 26.07.2016