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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Gutmensch

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Frage:

Ist ein Gutmensch, von dem man seit einiger Zeit hört und liest ein
a) einer, der vorsätzlich Gutes tut ohne persönlichen Vorteil oder
b) einer, der -  vielleicht ein bißchen vertrottelt  - unbeabsichtigt und selbstlos, auf grund gütiger Veranlagung, Gutes tut. weil er gar nicht anders kann, oder
c) ein Schlitzohr, das Gutes tut um persönlichen Vorteils willen, z.B. um gut dazustehen, vielleicht prominent zu werden oder Steuern zu sparen (Stichwort Stiftung, wobei natürlich nicht alle Stifter Schlitzohren sind)?
Im Freundeskreis gab es zu dieser so ungemein wichtigen Problematik heftige Debatten. Ich meine, die Bezeichnung  "Gutmensch" hat etwas Pejoratives und neige deshalb zu c). Was meinen Sie?

   

   

Meine Antwort:
Das Problem bei diesem Wort: Es ist keine objektive Bezeichnung, die man definieren könnte, sondern ein Schimpfwort, dessen genaue Bedeutung von der Situation abhängig ist. Es bezeichnet Menschen, die etwas glauben und tun, was einem anderen nicht gefällt. Das können sehr verschiedene Dinge sein.

Der Wortbedeutung nach ist ein Gutmensch ein Mensch, der versucht „Gutes“ zu tun. Da dieses Wort in allen Belegen als Tadel angewendet wird, muss man annehmen, dass ihm das nicht gelingt. Das könnte verschiedene Ursachen haben:

a) Er „meint es gut“ und macht’s erst recht falsch, weil er die tatsächliche Situation und die Bedürfnisse des anderen verkennt. Keiner würde ihn deshalb einen Gutmenschen schelten.

b) Er versucht zu helfen, hat aber keine Ahnung, z.B. von erster Hilfe. Auch ihn würde man nicht einen Gutmenschen nennen.

c) Er hat ein Helfersyndrom und hilft einer Oma über die Straße, die gar nicht hinüber will. Sein Fehler: Er meint helfen zu müssen, ohne zu fragen, was der andere braucht. Auch das ist kein Gutmensch.

d) Er hat seine Ideale und handelt nach seinem Gewissen, auch wenn die Mehrheit ganz anderer Meinung ist. In einigen Belegen werden die Vertreter der Friedensbewegung Gutmenschen gescholten, weil sie angeblich nur Worte machen, statt zu handeln - im Sinne der Gegner: den Frieden militärisch zu „sichern“. An diesem Beispiel ist zu erkennen, dass es eine Frage des Blickpunktes ist, wen man als Gutmenschen tadelt. Auch die Gegner haben ihre Ideale und handeln nach ihrem Gewissen, aber man würde sie nicht Gutmenschen nennen, weil Militär wohl auch für sie nur ein notwendiges Übel ist.

e) Er hat Ideale, die sich nicht verwirklichen lassen und vielleicht auch nichts bringen. Auch Karl Marx hat es nur gut gemeint, aber mit seiner Lehre eine Menge Schaden angerichtet. Man würde ihn aber keinen Gutmenschen nennen, weil das, was er bewirkt hat, böse war.

f) Er ist ein Phantast, glaubt etwa an den Weltuntergang und wartet auf ein Raumschiff, das ihn in einer andere Welt entführt. Aus diesem Grund wird er seine täglichen Pflichten vernachlässigen, allerlei Dummheiten machen und schließlich Selbstmord begehen, wie vor Jahren tatsächlich geschehen. Auch er ist kein Gutmensch, weil seine Ideale nicht gut sind.

Fazit: Ein Gutmensch ist einer, dessen Ideale von anderen zwar geachtet werden, aber dessen Methoden den Vorstellungen seiner Gegner widersprechen. Die Gegner lehnen die Ideale nicht ab (z.B. Frieden), haben aber andere Vorstellungen, wie sie zu verwirklichen sind (die Gegebenheiten akzeptieren, die üblichen Methoden verwenden, „mit den Wölfen heulen“).

 

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Artikel "Gutmenschen"

 

Datum: 2004

Aktuell: 16.02.2018