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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

"Es ist halt mal so."

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Frage:

Es stört mich sehr, ich finde es sogar grässlich, dass viele Menschen ihre Ausführungen mit "halt" ausschmücken. Für mich ist das völlig sinnlos und vielleicht etwas affektiert.
Warum macht man so etwas? Und stört es mich mit Recht?

   

   

 

Meine Antwort:

Schriftsprachig in gehobenem Deutsch hat „halt“ mit Sicherheit nichts zu suchen. Hier kann jeder an seinem eigenen Stil feilen und sich von Korrektoren sagen lassen, dass das kein gutes Deutsch ist. In der gesprochenen Sprache ist das anders, die lässt sich kaum steuern und oft rutscht auch mir etwas heraus, was nicht so ganz stilrein ist.
Dazu kommt aber noch ein weiteres. Wenn ich einen geschriebenen Satz nicht verstehe und Wert darauf lege, zu wissen was gemeint ist, dann kann ich ihn zehnmal lesen und Wörterbuch samt Grammatik zu Hilfe nehmen. Ein gesprochener Satz aber muss auf Anhieb verständlich sein. Wenn nun jemand nur in ganz knappen Sätzen spricht und darin sehr viel Wichtiges mitteilen will, kann sein, dass die Zuhörer nicht folgen und so schnell denken können wie gesprochen wird. Deshalb muss gesprochene Sprache ausführlicher und langatmiger sein als guter geschriebener Stil.
Ich weiß, wovon ich schreibe, denn ich bin pensionierter Pfarrer und habe mehr als 2000 Predigten gehalten. Da kann man nicht einfach wie in der Schule einen Aufsatz schreiben und vorlesen, sondern da muss man frei formulieren. Ich habe mir daher früh angewöhnt, meine Predigten mehr oder weniger frei zu halten. Das ergibt eine ganz andere Sprache, als das, was in den z. T. wörtlich ausgearbeiteten Entwürfen steht. Fachsprachlich spricht man von Redundanz, d.h. scheinbar überflüssigen Worten.
Um die gesprochene Sprache ausführlicher zu gestalten, gibt es zwei Möglichkeiten:
1. Man legt sehr viel breiter in mehreren Sätzen dar, was auf dem Papier ganz knapp mit einem Satz ausgedrückt sein kann.
2. Man gebraucht Füllwörter, damit die wichtigen Begriffe zum Mitdenken nicht so dicht aufeinander folgen. Zu diesen Füllwörtern gehört auch „halt“. Von daher ist der Gebrauch dieses eigentlich unnötigen Wortes in der gesprochenen Frage sogar sinnvoll, weil der Verständlichkeit dienlich.
Beispiel: „Stillgestanden“ ist ein unmissverständlicher Befehl, dem man kaum widersprechen kann. Er kann in seiner Kürze aber auch unverständlich sein, wenn er nicht klar artikuliert wird oder der Zuhörer nicht richtig hinhört. „So bleib doch halt endlich mal stehen!“ dröselt den knappen Befehl auf und wird verständlicher, aber auch verwaschener. „Hättest du vielleicht die unendliche Güte, meiner Aufforderung zu folgend und endlich mal stillzustehen“ ist des Guten sicherlich zu viel und lässt Unsicherheit und mangelnde Autorität erkennen. Über eine so lange Ausführung lässt sich wunderbar diskutieren, ohne dem Befehl Folge leisten zu müssen.
„Halt“ hat sogar eine ehrwürdige Geschichte: Schon die alten Goten gebrauchten das Verstärkungswort „haldis“ in der Bedeutung ‚lieber, mehr’.

 

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Datum:

Aktuell: 16.02.2018