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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

hanebüchen

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Frage:

Ich wende mich heute wegen des Wortes hanebüchen an Sie. Bei meinen 70 Lebensjahren ist mir dieses Wort seit meiner Schulzeit bekannt, auch wenn ich es selten gehört und auch selber nie benutzt habe. Neuerdings glaube ich es allerdings öfter zu lesen bzw. zu hören..
Letzter Anstoß für diese meine Nachfrage war ein Zitat in der Zeitung: "Dies sage er auch mit Blick auf die 'hanebüchenen Ausfälle' in der jüngsten Stadtverordnetensitzung."
Hier passte die Verwendung von hanebüchen so gar nicht zu der Bedeutung, die ich diesem Wort zuordnete. So blätterte ich in einem Wörterbuch und fand als Erklärung 'unerhört'.
Ich kann mein bisheriges Verständnis von hanebüchen nicht mit einem einzigen Wort erklären. "Das ist ja hanebüchen" war für mich etwa wie "das ist ja albern" oder "selbstverständlich, das liegt auf der Hand" oder "darüber braucht man gar nicht zu reden".
Ein achtzigjähriger früherer Lehrer erklärte mir - ohne meine Meinung zu  kennen - hanebüchen fast im gleichen Sinn wie ich es verstehe. Ein Vierzigjähriger, der bei unserem Gespräch dabeistand, plädierte dagegen im Sinn von 'unerhört'. Das entspricht ja auch dem Zeitungszitat.
Jetzt stehe ich da. Habe ich jahrzehntelang ein Wort falsch interpretiert? Hat sich seine Bedeutung vielleicht verändert?

   

   

Meine Antwort:

Nach dem "Großen Duden" (2000)  bedeutet hanebüchen heute 'empörend, unerhört, skandalös'.
Dagegen führt Grimm im "Deutschen Wörterbuch" 10,166 (1877) die Bedeutung 'streng, grob' an in den Wendungen "eine hahnebüchener Kerl; eine hahnebüchene Kälte."
Mit fällt dazu ein altes Lied ein "Wenn einer tännichte Hosen hat und hanebüchne Strümpf, dann kann er tanzen, wie er will, da gibt es keine Rümpf'": hölzerne Beinkleider kriegen keine Falten.
Die namengebende Hainbuche hat sehr hartes Holz, das für hölzerne Schrauben, Walzen und Kammräder verwendet wurde. Obwohl der Baum bis zu 25 m hoch werden kann, wurde er mit Vorliebe als Hecken angepflanzt. Dort bilden sich durch das häufige Ausschneiden keine schönen geraden und glatten Stämme, sondern knorrige und verkrüppelte Zweige. Aus dem Holz lassen sich also kaum elegante Möbel oder Schnitzereien herstellen. Hainbuchen. hanebüchen wurde daher zum Synonym für 'hart, ungehobelt, grob'.
Wenn man die Geschichte des Wortes nicht kennt, kommt man wahrscheinlich nie drauf, dass damit die Eigenschaft eines Holzes gemeint  ist. Auch ich kenne den Ausdruck nur von Redewendungen wie "hanebüchner Unsinn" und gebrauche ihn selbst nicht. Man kann dann weitere Vermutungen anstellen wie 'albern, unerhört, unsinnig'. So weit liegen diese Bedeutungen nicht auseinander, bloß kilometerweit von der Urbedeutung 'aus grobem Holz'. Wie kommt es aber zur Verbindung mit "Unsinn, Frechheiten, Lügen, Behauptungen…"? Weil das alles dermaßen grob ist, dass es jeder sofort als Unsinn erkennt.

 

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Datum: 2004

Aktuell: 26.07.2016