Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

nicht schlecht

Email:

   

Frage:

Hier eine Anregung meinerseits von einem Sprachgebrauch,
den ich immer mit Grausen wahrnehme, der Ausdruck nicht schlecht. Ich glaube man nennt das "positive Verneinung"? Die Aussage ist für mich vage, nicht gut und nicht schlecht. Zum Beispiel

  • Das Essen war nicht schlecht = nicht verdorben?
  • Das Essen war nicht schlecht = nicht schlecht, gerade noch genießbar?
  • Das Essen war nicht schlecht = na ja, man konnte es essen?
  • Das Essen war nicht schlecht = gut, das war wohl gemeint

Warum sagen die Leute (auch ein Großteil unserer Freunde) nicht einfach: "Das Essen war gut, sehr gut"?

   

   

Meine Antwort:

Nicht schlecht ist ein uraltes Stilmittel, das im Altertum schon gebräuchlich war, nämlich die Untertreibung. Klassisches Beispiel ist lateinisch non ignoro 'mir ist nicht unbekannt = ich weiß genau' - wie Sie richtig bemerken, ist das eine "doppelte Verneinung" (Fachwort: Litotes). Auch nicht schlecht kann man so verstehen, als 'nicht ungut'.
Damals wie heute versucht man ein übertriebenes Pathos zu vermeiden voll geil, sehr gut und macht genau das Gegenteil: man untertreibt und sagt nicht schlecht.

In England, dem Land der vornehmen Zurückhaltung, gehört das "understatement" zum guten Ton. Da klingt es zu direkt, good oder gar very good zu sagen. Da ist es ein hohes Lob, wenn man not bad sagt. Man muss die jeweiligen Gepflogenheiten kennen, um verstanden zu werden und zu verstehen.

In Deutschland hat die Untertreibung wohl keine lange Tradition. Ich suchte eben nach Informationen über dieses Stilmittel und fand einen Aufsatz über Schiller als Historiker, der seine wissenschaftlichen Darlegungen durchaus mit emotionalem Pathos verband. Der Verfasser dieses Aufsatzes beklagte, dass man heute - als Folge des allzu pathetischen Nationalsozialismus - eher zu nüchtern in der Darstellung ist und zur Untertreibungen neigt.

Nicht schlecht scheint mir eine Modeerscheinung zu sein. Das höchste Lob, das man vor einigen Jahren von Jugendlichen auf die Frage "Wie war's?" bekommen konnte, war die Antwort "Es ging."

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 2004

Aktuell: 16.02.2018