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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

mutterseelenallein

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Frage:

Wo kommt das Wort mutterseelenallein her? Es bedeutet doch das Schlimmste, was einem Menschen passieren kann: mutterseelenallein zu sein. Warum heißt es nicht vaterseelenallein?
Wird es überhaupt wie Seele oder wie selig geschrieben?

 

 

 

 

 

Meine Antwort:

Mutterseelenallein ist erweitert aus dem nicht mehr gebräuchlichen mutterallein. Zugrund liegt die Vorstellung, dass das Baby im Mutterleib allein ist (wenn’s nicht gerade Mehrlinge sind), vgl. Goethe »und so saß ich manches Jahr / über mir allein, / wie im Mutterleib.« (zitiert nach Grimm 12,2812, Fundstelle unbekannt).
Wenn diese Erklärung richtig ist, ergibt sich’s von selbst, dass es kein vater(seelen)allein geben kann, denn das ungeborene Kind sitzt halt mal im Mutterleib und nicht im Bauch des Vaters.
Außerdem ist der Vater ja oft nicht daheim, so dass seine Abwesenheit kaum auffällt.

Man kann’s aber auch so verstehen ‚allein wie ein Kind, das von seiner Mutter verlassen wurde’. Das leuchtet uns heute eher ein. Wie schlimm es für ein Kind ist, wenn die Mutter „fortgange“ ist, sehen Sie in „Aba heidschi bumbeidschi“ (»Deine Mutter, die ist ja fortgange. Sie ist ja fortgange und kummt nimmer haam…«) oder im Spiritual »Sometimes, I feel like a motherless child.«

Mutterallein wurde verstärkt mit Seele im Sinn von ‚Person’: »Keine Mutterseele hat’s gemerkt.« (Grimm 12,2827), vgl. Menschenseele = ‚Mensch, Person’ (»Keine Menschenseele kümmert sich um mich.«). Eine mehrfache ähnliche Verstärkung finden wir im Struwwelpeter: »ein kohlpechrabenschwarzer Mohr«.

 

Südhessisch mutterseligallein deutet auf die verstorbene "Mutter selig" einer Waise oder Halbwaise.

 

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Datum: 2004

Aktuell: 26.03.2016