Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

schiel, sarp

Email:

   

Frage:

Beim Durcharbeiten eines alten Gartenbuches fand ich die Begriffe schiel und sarp. Für beide weiß ich keine heutige Entsprechung.
Der betreffende Text folgt hier:
Johann Sigismund Elßholtz
"Vom Garten-Baw" Berlin/Leipzig/Cölln 1684
Faksimile-Nachdruck Georg Olms Verlag Hildesheim, 1987
Der Herausgeber des Nachdrucks gibt einen Überblick über Leben und Werk des Autors:
Johann Sigismund Elßholtz (1623-1688): Der Hofmedicus und Hofbotanicus des Großen Kurfürsten, Friedrich Wilhelm von Brandenburg, genoß zu Lebzeiten beträchtliches wissenschaftliches Ansehen. Unter seinen Schriften fand »Vom Garten-Baw« besondere Beachtung und wurde mehrfach aufgelegt. Elßholtz legte damit zum ersten Mal ein Kompendium der gesamten Gartenwissenschaft vor und widmete sich in den sechs Büchern seines Werkes der »Gärtnerey insgemein«, einschließlich der Gartenkunst, dem Blumengarten, dem Küchengarten, dem Baumgarten, dem Weingarten und dem Arzneigarten. Den Beschluß bildet ein Gartenkalender, der die in jedem Monat notwendigen Gartenarbeiten verzeichnet.

An rotem Wein
1. Rot Muskateller
Hat große kirschbraune Trauben mit süßem Geschmack.
2. Rot Welsch
Hat große schwarze Trauben mit süßem Geschmack.
3. Genser/Groß-Breunel/Roht Schönedel
Hat große bräunliche Trauben, sarp.
4. Roht Traminer
Mittelgroße Trauben, rötlich, ganz süß.
5. Schiel Traminer
Mittelgroße Trauben, schiel, ganz süß.
6. Wiener
Große lange Trauben, fleischig, leibfarben, sarplich.
7 Klebrot
Mittelgroße Trauben, schwarz, süß.
8. Ungrisch Leibfarb
Mittelgroße Trauben, bräunlich, süß.
9. Rot Heunisch
Große Trauben, schwarz, säuerlich.
10. Hart-Rot
Mittelgroße Trauben, schwarz, säuerlich
11. Ziegel-Farbe
Große Trauben, bräunlich, säuerlich
12. Gemein-Rot
Mittelgroße Trauben, säuerlich, schwarz, gibt den anderen die rote Farbe.
13. Feld-Rot
Mittelgroße Trauben, schwarz und sauer.
14. Schlee-Rot
Mittelgroße Trauben, zwar dicht von schwarzen Beeren aber sauer wie Schlehen.
15. Zottelrot
Lange Trauben, aber kleine dünne Beerlein, schwarz und sauer. Die letzten drei Arten sind nicht viel wert, sondern machen den anderen Wein beim Pressen nur sauer.

Etliche sonderbare Weinreben
Außer den bislang aufgezählten Gattungen der Weinreben, welche bei uns in Weinbergen und Lauben allgemein angebaut werden, kann man auch einige fremde Weinstöcke nicht übergehen, die man nur als Rarität in den Lustgärten an Geländern zieht und welche man neben fleißiger Aufsicht den Sommer über auch gegen den Winter mit Bedecken wohl verwahren muß. Als da sind:

  • Vitis vinifera apyrina Weintrauben ohne Körner Vitis corinthia ...
    Die Blätter sind klein, rund und weniger zerschnitten als an unseren gemeinen Weinstöcken: die Beeren süß, weinsaftig und klein wie Corinthen oder Rosinen. Man muß aber diese Art nicht verwechseln mit den gemeinen Elber-Trauben, welche auch Vitis agygartos genannt werden, weil jede Beere nur ein Korn hat.
  • Vitis folio laciniato Petersilienwein, weil seine Blätter nach Art der Petersilie gekerbt
    sind. Ist ein sehr fruchtbarer Weinstock, die Trauben sind blank, die Beeren groß, nicht gar zu dicht gesetzt aber sehr lieblich vom Geschmack.
  • Vitis tinctoria Tintenwein Hat den Namen bekommen weil seiner Trauben Saft sehr
    dunkel-rot ist und so stark färbt, daß man damit wie mit roter Tinte beständige Schrift schreiben kann. In Frankreich tritt man diese Trauben mit unter die Weine, welche satt-rot werden sollen.
  • Vitis botro variegato Schweizer- oder Gescheckter Wein, weil seine Trauben ganz bunt sind, in dem eine Hälfte blank, die andere Hälfte rot oder unter den Beeren hin und her die eine blank, die andere rot ist.
  • Vitis muscata variegata Blank-Muskateller mit roten Strichen.
  • Vitis malvatica Malvasier-Trauben, grau.
  • Vitis lachryma Wächst am Fuß des Vesuvs. Dieser Wein ist rötlich, duftet sehr anmutig, erfreut das Herz und schadet weder dem Haupt noch dem Magen. Heißt auch Virgineum weil er von selbst und ehe er noch gepreßt wird, aus den reifen Trauben tränenweise rinnt.
  • Vitis Burdelas Burdelasser. Die Trauben sind blank und so groß, daß deren eine die Schüssel füllt ...
  • Zum Schluß soll hier angefügt werden Vitis gigas Riesen-Wein. Gegen diesen sind alle anderen bisher aufgezählten Weinstöcke nur Zwerglein. Eberhardus Schultesius schreibt davon: In dem äußersten oder unteren Afrika besonders in Mauretanien, hat es Weinstöcke, welche zwei Männer nicht umfassen können. Die Trauben eine Elle lang mit Beeren so groß wie ein Hühnerei. Wenn sich dies tatsächlich so verhält, so scheint der Größe nach einige Gleichheit zu sein zwischen diesen afrikanischen Weinstöcken und denen aus dem Tal Escol im Gelobten Lande, davon im IV. Buch Mose cap. XIII.24 gedacht wird, daß sie von zwei Männern auf einer Stange getragen worden sind.

Im Anschluß an diese Aufzählungen folgt das IV. Kapitel mit dem Titel "Der Weinstöcke Vermehrung und Verbesserung". Hier werden alle Methoden, die heute noch gültig sind, eingehend beschrieben: die Vermehrung durch Absenker, durch Schnittlinge, das Pfropfen. In weiteren Kapitel geht es um die Bodenbearbeitung, die Ernte und die Weinbereitung.

   

   

Meine Antwort:

Nach Grimm, Deutsches Wörterbuch 15,11 ist schieler Wein 'scheler, schiefer, nicht ganz richtiger Wein' mit "bleichroter Farbe", also wohl das, was wir heute Rosé nennen.
Für sarp habe ich direkt nichts gefunden, nur soviel herausbekommen: Da in der Aufstellung zuerst das Aussehen, dann der Geschmack beschrieben wird, und da "sarp(lich)" an zweiter Stelle steht, muss es sich wohl um eine Geschmacksbezeichnung handeln. "Süß, säuerlich, sauer" sind ausdrücklich benannt; also muss es sich um einen anderen Geschmack handeln, vielleicht "herb" oder trocken".

 

Nachtrag:

 

In einer lateinisch - althochdeutschen Wortliste aus der Karolingerzeit (Abrogans) fand ich die Gleichung

  • acer. sarpfer (scharf)

  • aceruus. sarfer (bitter, herb)

Beides sind Varianten von altgemanisch = niederdeutsch sarp, das ich aber noch nicht gefunden habe. Vg. dt. scharf = engl. sharp
Die Endung -er braucht Sie nicht zu stören: "Es war ein sar(f)er Wein".

Nachtrag:

Eben fand ich ein irisches Sprichwort: „Ge milis am fìon, tha e searbh ri dhìol.“ (Der Wein ist süß, das Bezahlen bitter.) - ausgerechnet in Zusammenhang mit Wein!

Searbh wird scharew gesprochen und bedeutet 'sauer, herb, bitter' (im Geschmack und übertragen). Auf Altirisch hieß es serb. Ein römischer Germane trug den Namen Felix Serbus.

Im Lateinischen bedeutet sorbus 'Eberesche, Vogelbeere', deren Früchte säuerlich schmecken. Grundbedeutung ist wahrscheinlich 'rot'; in den slawischen und baltischen Sprachen bezeichnet ein ähnliches Wort andere rote Beeren; dazu schwedisch sarf 'Rotauge'. Die Kelten haben anscheinend nach der Frucht eine neue Geschmacksrichtung kreiert und an die Deutschen weiter vererbt.

 

nach oben

Übersicht

 

 

 

Datum: 2004

Aktuell: 26.07.2016