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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Verantwortung

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Frage:

Seit den 60er Jahren stößt mir der Begriff Verantwortung übernehmen ständig auf; von Baader- Meinhof bis El-Qaida. Immer wieder hatten hier Personen oder Gruppen, teils auch anonym, die "Verantwortung übernommen". Wurden sie gefasst, waren sie es nicht gewesen!
War der Begriff schon immer so verwaschen oder ist er durch die vielen Veröffentlichungen inflationär entwertet worden?

 

   

   

Meine Antwort:

Verantwortung ist die Bereitschaft, für das Rede und Antwort zu stehen, was auf meine Veranlassung hin oder unter meiner Aufsicht geschieht. Wenn eine Gruppe Kinder Scheiben einschmeißt, dann fragt man zunächst mal nach der Aufsichtsperson, die das hätte verhindern müssen. Wenn eine Brücke einstürzt, dann fragt man zuerst den Architekten, der die Berechnungen angestellt hat. Vorausgesetzt ist, dass der Verantwortliche sich nach bestem Gewissen bemüht es richtig zu machen. Wer Kinder anstiftet, Scheiben einzuschmeißen oder Brücken absichtlich so konstruiert, dass sie einstürzen müssen, handelt unverantwortlich. Der Verantwortliche ist auch nicht unbedingt der Täter. Täter ist das Kind, das den Stein wirft, oder der Arbeiter, der Anweisungen nicht beachtet hat. Der Verantwortliche ist auch nicht automatisch schuld, denn ob er bestraft werden muss, entscheidet das Gericht und nicht die Tatsache, dass er die Verantwortung trug. Von Verantwortung sprechen wir auch nicht, nachdem etwas passiert ist, sondern schon vorher. Ein verantwortlich handelnder Mensch versucht, es erst gar nicht dazu kommen zu lassen.
Von daher kann man sich fragen, ob es richtig ist zu sagen, eine Terrorgruppe hätte die Verantwortung für einen Anschlag übernommen. Sie bekennen sich erst hinterher zu der Tat und stehen dann doch nicht dazu, wenn sie gefasst werden. Andrerseits muss man ihnen zugestehen, dass sie der Meinung sind, es richtig zu machen und nach bestem Gewissen zu handeln – auch wenn wir ihre Beweggründe und Mittel nicht billigen können. Wahrscheinlich kann man ihnen nicht vorwerfen, sie würden das Wort
Verantwortung missbrauchen. Der Vorwurf trifft wohl eher die Medien, die schreiben, die Gruppe hätte die Verantwortung übernommen. Ich habe noch keinen Bekennerbrief gelesen.
Sie fragen mich, ob dieser Begriff schon immer so verwaschen war. Normalerweise ist es so, dass mit einem neuen Wort präzise ein bestimmter Sachverhalt ausgedrückt wird. Was
Dosenpfand (Neuwort im Duden) ist, darüber gibt es keine Unklarheiten. Im Laufe der Zeit wird ein Wort aber auch auf andere Zusammenhänge übertragen, so dass es viele Bedeutungen bekommt und man nicht mehr auf Anhieb weiß, was gemeint ist. Dann ist es „verwaschen“. Oder es dient nur noch als Funktionswort ohne eigene Bedeutung und ist verblasst. Gerade gestern kamen zwei Anfragen über die verblassten Wörter lauter ‚viele’ und schier ‚beinahe’, gemeinsame Grundbedeutung ‚sauber’.
Bei
Verantwortung kann ich eigentlich nicht sagen, dass man nicht mehr wüsste, was mit gemeint ist, sondern es wird in Fällen angewendet, für die es nicht ganz zutrifft. Da hier etwas Böses gut genannt wird, handelt es sich eher um einen Missbrauch des Wortes. Andrerseits fehlt uns anscheinend ein Ausdruck für das; was die Terroristen übernehmen: Verantwortung ist es nicht, weil sie unverantwortlich handeln. Die Schuld übernehmen sie auch nicht, denn sie leugnen ja am Ende und wollen nicht bestraft werden. Die Täterschaft ist es auch nicht. Der Bombenleger (Täter) war ein Einzelner. Die Tat aber wurde von der Gruppe geplant. Insofern ist dieser Sprachgebrauch eine Verlegenheitslösung, bei der mit dem erhabenen Wort Schindluder getrieben wird.

Zur Sprachgeschichte:
Mittelhochdeutsch
verantwürten ‚antworten, (sich) rechtfertigen, (sich) verteidigen’; antwürter ‚Anwalt’.
frühneuzeitlich:
Verantwortung: ‚1. Antwort allgemein, 2. Rechtfertigung, 3. Verantwortlichkeit’
Um 1800 kennt man die Redwendungen zur Verantwortung (= vor Gericht) ziehen ‚sich eine schwere Verantwortung aufbürden’ (d.h. etwas tun, was man später kaum rechtfertigen kann), ‚die Verantwortung übernehmen’ (schon im 30jährigen Krieg).
Trotzdem scheint Ihre Beobachtung zu stimmen, dass das Wort
Verantwortung in den letzten 30 Jahren besonders häufig gebraucht wurde. Sie erwähnen die Baader-Meinhoff-Gruppe. Ulrike Meinhoff und Gudrun Enßlin waren fehlgeleitete junge Menschen, denen man daheim gepredigt hat: Wenn ihr Unrecht geschehen lasst, tragt auch ihr die Verantwortung. Ihr müsst etwas tun!“ Nun, sie haben etwas getan und glaubten, es sei richtig. Das ist das Problem!

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2004

Aktuell: 16.02.2018