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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Vergasung

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Frage:

In einem Disput ergab sich die Frage, ob die Redensart „etwas bis zur Vergasung" getan zu haben, schon vor der Zeit von NS-Verbrechen (Holocaust, Euthanasie etc.) im umgangssprachlichen Gebrauch war. (z.B.: „Ich habe den Fehler bis zur Vergasung gesucht"). - Ich hatte bereits einen Emeritus der Technischen Universität Darmstadt aufgrund seines Alters (Jahrgang 1915) befragt. Er antwortete mir, dass diese umgangssprachliche Redewendung bereits von seinem Vater häufig verwendet worden sei. - Ich glaube, dass diese Redensart nichts mit der NS-Zeit zu tun hat und auf der gleichen Ebene liegt wie „Er hat mich zur Weißglut gebracht".

   

   

Meine Antwort:

Es gibt drei Deutungen:
1. „Umwandlung in Gas“. Das kann aber nicht das sein, was wir „Verdampfen“ nennen, sondern nur der technische Vorgang z.B. bei der Kohlevergasung. Für „vergasen = verdampfen“ habe ich keine Hinweise gefunden. Vergasen in diesem Sinn ist ein Vorgang, der normal und regelmäßig abläuft und nicht die Geduld der Techniker strapaziert. Die technische Bedeutung kommt also nicht in Frage.
2. „Tötung der Juden durch Giftgas“. Dagegen spricht nicht nur die von Küpper und Röhrich behauptete frühe Verwendung dieses Ausdrucks, sondern auch eine andere Überlegung: Der Massenmord an den Juden kam erst durch die Nazi-Prozesse der 60er Jahre (Eichmann) ins Bewusstsein der Öffentlichkeit. Da war die Redewendung aber schon lange gebräuchlich.
3. „Einsatz von Giftgas im ersten Weltkrieg“. Dafür sprechen:
a) das Aufkommen des Ausdrucks im Mund von Soldaten nach 1920. Wie Jünger belegt, wurde „vergasen“ tatsächlich in der Bedeutung ‚durch Gas töten’ gebraucht:

Wieder liegen die Batterien unter starkem feindlichen Feuer und lang andauernder nächtlicher Vergasung.

Gefechtsbericht 6. bayer. Feldartillerie-Regiment "Prinz Ferdinand von Bourbon Herzog von Calabrien". 27.8.1917

Dass auch Chemiestudenten genannt werden, spricht nicht dagegen. Wie viele wurden direkt von Gymnasium an die Front geholt und konnten erst in den Zwanzigerjahren studieren! – Ich habe leider keine Möglichkeit, den Sprachgebrauch an zeitgenössischen Quellen nachzuprüfen, glaube aber gern, dass der Vater Ihres Emeritus schon früh diesen Ausdruck verwendet hat.
b) Die Bedeutung ‚etwas bis zum Überdruss tun’ könnte abgeleitet sein von Redensarten wie „kämpfen bis zur Vergasung“, d.h. bis der Feind sich nicht anders zu helfen weiß als Giftgas einzusetzen.
Ich verstehe „Vergasung“ jedenfalls passiv („bis ich vergast werde“), nicht aktiv („bis ich Giftgas einsetze“ oder „bis das Zeug endlich zu Gas wird“).

Leider konnte ich keine Quelle finden, die den Ursprung dieser Redensart aufzeigt. Ich bin aber wie Sie der Meinung, dass sie nichts mit der NS-Zeit zu tun hat und schon vorher gebraucht wurde.

 

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Sprachecke

 

Datum: 2003

Aktuell: 05.10.2016