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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Kindersprache

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Frage:

Mein kleiner Enkelsohn, jetzt 14 Monate alt, geht mit uns ata, oder, wie wir im Schwäbischen sagen ada. Woher stammt das Wort?

 

Meine Antwort:

Kleine Kinder haben ja Schwierigkeiten, die Wörter der Erwachsenensprache nachzusprechen, besonders mit schwierigen Lauten wie k, g oder r. Ich kann mich entsinnen, dass meine Nichte zu meinem Sohn sagte: "deh laus" statt "geh raus". Antwort: "Ja, haus" (spiegelt die unterschiedliche Aussprache von r bei den Müttern). Ähnliches werden Sie von Ihrer Tochter und dem Enkel erzählen können. Die Kinder ersetzen also die schwierigen Laute durch leichte und lassen so manches ganz weg, besonders gern die Anfangslaute. Eins unsrer Kinder sagte Addi für 'Mutti'. Oder sie erfinden ganz neue Wörter. Ein anderes nannte die Kuckucksuhr i-a und sagte das auch immer, wenn der Kuckuck schrie, weiß nicht warum.

Das waren jetzt Kinder, die schon einige Fortschritte im Sprechen gemacht haben. Noch größere Schwierigkeiten haben natürlich die Sprechanfänger. Andrerseits fangen sie ja schon lange vorher an, Sprechen zu üben und bilden eine Anzahl verständlicher Silben, die aber noch keinen Sinn haben. Problemlos zu artikulieren sind die Laute b/p, d/t, m, n. Dabei entstehen Lallwörter wie ba, da, ma, na; ab, ad, am, an; aba, ada, ama, ana; baba, dada, mama, nana (oder mit anderen Vokalen). So ist es kein Wunder. dass Wörter wie Mama, Nana, Baba, Dada für die Eltern und andere Verwandte weltweit verbreitet sind (meist die weichen Laute für die Frauen, die harten für den Männer).

Außer den wichtigsten Bezugspersonen sind auch andere Sachverhalte für Babys wichtig, z. B. dass die Mutter "weg" oder "da" ist. Wie interessant das ist, sehen Sie an dem überaus beliebten Kuckuck-Spiel, bei dem man sein Gesicht hinter den Händen versteckt oder Gegenstände verschwinden lässt. Bei solchen Gelegenheiten ist wahrscheinlich unser Wort da entstanden, das wir ja auch benutzen, um auf etwas hinzuweisen: "Da ist die Nase".

Da Kleinkinder noch nicht alle Laute artikulieren, aber doch vieles sagen möchten, fassen sie ähnliche Sachverhalte in einem Wort zusammen. Unser Ältester hat sich mal eine halbe Stunde damit beschäftigt, alles, was auf der Straße vorbei kam, als Wauwau (alles was Beine hat) oder Auto (alles was Räder hat) zu klassifizieren. Ähnliches sagen wir Erwachsene ja auch Lebewesen und Fahrzeuge. In der Erwachsenensprache lassen sich sogar Tendenzen erkennen, Gegensätzliches mit einem Wort auszudrücken. Dazu fällt mir im Moment nur lateinisch altus ein, das 'hoch' und 'tief' bedeuten kann, je nachdem, wie man's betrachtet.

So kann in der Baby-Sprache da nicht nur 'vorhanden' bezeichnen, sondern auch das Gegenteil 'nicht vorhanden, weg'. Als ich klein war, gab es die Wörter da 'vorhanden', dadá 'nicht vorhanden' und davon abgeleitet ada und dáda 'weggegangen' ("Mama ada / dada"), ada ada 'auf Wiedersehen' und dada-gehn, ada-gehn 'spazieren gehen'.

Natürlich helfen da auch die Erwachsenen nach, indem sie sich an den Sprachgebrauch ihrer eigenen Kindheit erinnern, und schaffen damit Traditionen, die wohl sehr alt sind (wenn ada auch im Schwäbischen geläufig ist).

Ähnlich ist es mit der Heia [1] 'Bett', die ich zu dem Streichel- und Wohlfühllaut ei stellen möchte (bei uns sagte man [a:i]). Es hängt sicher zusammen mit dem Wiegenlied "Eia popeia" (bei uns hieß es [ha:io: boba:io:]). Wobei pop wohl die Wiegebewegung ausdrückt. Ich weiß nicht, ob Sie den Ausdruck herzgebobbelt kennen: 'am Herzen gebobbelt, gewiegt, auf dem Arm gehalten und sachte hin und her geschaukelt'. Meine Großtante soll als Kind für die Puppenwiege das Wort Hobbeldibobb erfunden haben, also ist hobb eine Variante von bobb und damit ebenfalls ein Lallwort. Da H kann man in solchen Wörtern davor setzen oder weglassen.

   

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

[1] ein junges Wort, das Grimm noch nicht kennt. Es kann auch wegen der Endung -a kein altes Erbwort sein und gehört daher sicher mit der  Interjektion eia, heia zusammen.

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2005

Aktuell: 26.07.2016