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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

schanzen

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Sprungschanze

zuschanzen

zuschustern

 

Frage:

Unlängst stand ich vor einer Sprungschanze und machte mir Gedanken, woher der Namen wohl komme. Mein "Brockhaus in einem Band" aus dem Jahr 1992 befasst sich lediglich mit Militärischem, z.B. 'Feldbefestigung mit Wall'. Nun gibt es bei einer Sprungschanze auch einen Auslauf (Wall?), damit kann aber doch nicht das Bauwerk für den Sprungablauf gemeint sein. Außerdem fällt mir in Verbindung mit schanzen gleich 'Wälle bauen' auch noch das Wort zuschanzen ein.

   

   

Meine Antwort:

die beiden Wörter, nach denen Sie gefragt haben, haben verschiedene Ursprünge:

Sprungschanze

Eine moderne Sprungschanze, wie ich sie in Oslo gesehen habe, ist ein riesiges Bauwerk aus Beton. Die ältesten Sprungschanzen waren bescheidener: eine einfache Erdaufschüttung an einem Abhang mit einem jähen Absatz ermöglichte genau so das Schispringen, nur nicht mit Weiten, die sich mit den heutigen Rekorden vergleichen lassen. In Oslo sah ich auf Schaubildern, wie sich diese Schanze im Laufe der Zeit aus einer einfachen Aufschüttung entwickelt hat.

Der militärische Ausdruck geht aus von einer Bedeutung Schanze 'Reisigbündel, Faschinen', mit denen man Erdaufschüttungen befestigen konnte. Schon die Römer haben ihre Feldlager mit schnell aufgeworfenen Erdwällen gesichert. Schanzen 'Erdarbeiten verrichten' gehörte bis in die Gegenwart  zum militärischen Alltag, etwa bei Schützengräben. Ich versteh zum Glück kaum was davon.

zuschanzen

Das Wort stammt von einem anderen Schanze 'Glücksspiel', das heute kaum noch gebräuchlich ist, davon schanzen 'um Geld spielen' und der Ausdruck "sein Leben in die Schanze schlagen" 'sein Leben riskieren', zu einer früher allgemein gebräuchlichen Wendung "etwas in die Schanze schlagen" (wohl im Sinn von 'den Einsatz auf den Spieltisch knallen'). Zuschanzen ist also 'jemand einen Vorteil zukommen lassen', indem man ihm heimlich einen Tipp gibt oder eine gute Karte zusteckt.

Dieses Wort kommt aus französisch chance 'glücklicher Zufall', den wir als Chance 'günstige Gelegenheit' ein zweites Mal von unsern Nachbarn übernommen haben.

Das französische Wort geht letztlich auf ein vulgärlateinisches cadentia 'Fall des Würfels' zurück. Spielkarten kann's ja erst geben, nachdem man Mittel erfunden hatte, sie zu vervielfältigen. Vorher hat man gewürfelt.

Caesar hat nicht von cadentia gesprochen, sondern von alea 'Würfelspiel' ("iacta alea est" 'die Würfel sind gefallen'). Dieses Wort konnte auch die Bedeutung 'Risiko' haben: "aliquid in aleas (in-, sub-)ire" 'etwas riskieren'. Caesar hat wie manches Mal sein Leben riskiert, wenn er sich auf die Schanzkünste und Kampfkraft seiner Truppen verlassen musste. Er hätte sagen können: "Vitam meam in aleas inii", 'ich habe mein Leben in die Schanze geschlagen, es beim Glücksspiel als Pfand eingesetzt'.

zuschustern

scheint ursprünglich dasselbe wie zuschanzen bedeutet zu haben, bloß mit dem Hintersinn des Unrechtmäßigen. Daneben aber auch in den mitteldeutschen Mundarten im Sinn von 'Geld zuschießen' (wohl Vermengung mit dem alten zuschussen). Das einfache schustern konnte bedeuten 'stümperhaft arbeiten' und deshalb 'weniger verdienen, das Kapital angreifen müssen, Geld drauflegen'. Zuschießen muss man auch, wenn andere unwirtschaftlich arbeiten und Zuschüsse benötigen. Von dieser Bedeutung 'jemand Geld geben' scheint die Bedeutung 'jemand einen Vorteil verschaffen' herzukommen, begünstigt durch das anklingende zuschanzen.

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2005

Aktuell: 26.03.2016