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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Sehnsucht

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Frage:

Mich würde einmal die Herkunft des Wortes Sehnsucht interessieren. Hat es vielleicht auch was mit der Sehne (die unter Spannung steht) zu tun? Sehnsucht ist wohl auch eines dieser Wörter, die sich nur schwer aus dem Deutschen übersetzen lassen.
 

   

   

Meine Antwort:

Sehn- von sehnen. Das alt- und mittelhochdeutsche Wort senen hat bedeutet 'kraftlos, unlustig sein'. Im Mittelhochdeutschen sagte man einfach die sene 'sehnliches Verlangen'.

Die Sehne schrieb sich früher senwe mit <w>. Ähnliche Ausdrücke in anderen Sprachen bezeichnen 'Schnur, Band, Fessel, Kette, Halsband', also nichts zum Dehnen, sondern zum Binden, verwandt mit Seil, Saite.

Sehnen dagegen schrieb sich zur selben Zeit ohne <h> und <w> senen. Grundbedeutung war wohl nicht 'gespannt sein', sondern 'schlaff sein', also da sitzen und weinen statt zu handeln. Verwandt ist lateinisch sinere 'geschehen lassen'.

Das sind also zwei verschiedene Wörter.

Sucht zu siech 'krank'. Schon im Mittelalter sah man Sehnsucht als eine Art Krankheit an (nicht als "Sucht" im Sinn von 'Abhängigkeit').

Durch die Sucht wurde dieses Verlangen zu einer Art Leiden. Sie kennen sicher Goethes »Nur wer die Sehnsucht kennt, weiß was ich leide.«  Es war wahrscheinlich die Romantik, die der Sehnsucht diese schmerzhafte Prägung gab.

Entsprechungen in anderen Sprachen: Das englische to long for, longing bedeutet eigentlich 'verlangen', hat nichts mit 'lang' zu tun, sondern mit gelingen; ver- im negierenden Sinn, also 'nicht erreichen können, keinen Erfolg haben'.

Die Franzosen haben aspirer (eigentlich 'begierig einsaugen', dann 'streben nach'), soupirer ('seufzen, schmachten'), desirer (herbeiwünschen) und als Substantiv langueur ('Mattigkeit, Liebesschmachten', hat nichts mit verlangen zu tun) und nostalgie 'Heimweh'. Der Lateiner würde sagen desiderium 'Verlangen, Wunsch'.

Wenn man etwas verlangt oder wünscht, tut man alles, um es zu bekommen, das ist die natürliche Haltung. Der Deutsche setzt sich hin, zerdrückt Tränchen und seufzt. Nur der Deutsche? Der Russe auch: тоска (tɑská) 'Sehnsucht, Wehmut', томление tɑmĺéńie), zu  томиться (toḿíťsja) 'leiden, sich quälen, sehnen' + лень (ĺ) 'Trägheit'.

Sehnsucht hat also auch etwas mit Antriebslosigkeit zu tun: Man möchte, aber unternimmt nichts und leidet, vgl. französisch langueur.

 

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Datum: 2005

Aktuell: 26.03.2016