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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Geschlecht von Sonne und Mond

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Frage:

Warum sind in der deutschen Sprache "die" Sonne weiblich und "der" Mond männlichen Geschlechts , wo doch - wie Sie sicherlich wissen - in anderen Sprachen "die" Mond und "der" Sonne" geschrieben wird.

Wir können dies schon lange nicht verstehen, weil von der Betrachtung und vom Empfinden her, "der" Sonne männlich sein, weil durch die Aussendung oder Abstrahlung der Sonnenstrahlen das "Gebende" erkannt werden kann und dadurch vom Geschlechtlichen her männlich sein sollte. "Die" Mond, als Sonnenstrahlen-Empfangende - denn ohne der Sonnenstrahlen würden wir doch den Mond überhaupt nicht erkennen können - dürfte sie doch weiblichen Geschlechts sein.

Es dürfte Ihnen auch bekannt sein, daß "die" Mond durch den Zyklus oder Rhythmus mit dem weiblichen Geschlecht in Verbindung steht, der beim männlichen Geschlecht nicht zu erkennen ist.

   

   

 

Meine Antwort:

Es gibt keine Regel, warum die beiden großen Himmelskörper gerade dieses und kein anderes Geschlecht haben sollen. Oft sind Sonne und Himmel maskulin und Mond und Erde feminin. Auch bei den Ägyptern wurde die Sonne durch einen männlichen, der Mond durch einen weiblichen Gott repräsentiert, dagegen dachte man sich den Himmel weiblich und die Erde männlich. Bei den Semiten sind alle vier maskulin. Die Finnen haben überhaupt kein grammatisches Geschlecht, auch die Himmelskörper nicht. Auch die afrikanischen Bantuvölker kennen keine grammatischen Geschlechter, sondern teilen die Welt in eine ganze Anzahl Klassen ein. Im Suaheli z.B. gibt es acht Klassen, erkenntlich an der Vorsilbe. Die Sonne, (ma)jua, gehört zur selben Klasse der Vergrößerung wie (ma)tunda, 'Frucht', der Mond, mwezi zur selben Klasse der Pflanzen wie mti 'Baum'.

Und wie war's bei den Germanen? Da ist erst mal festzuhalten, dass im ständig bewölkten Mitteleuropa die Sterne keine religiöse oder mythologische Rolle spielen, die Planeten auch sonst nicht und Sonne und Mond nur insoweit, als man danach den Kalender bestimmt. Bei den Goten war mena, der Mond, maskulin und sunno, die Sonne, feminin (die Endungen waren aus Gründen der Lautgesetze gerade anders als wir heute empfinden). Daneben gab es ein neutrales sauil 'Sonne'. Daraus ist zu entnehmen, dass es mindestens den Goten egal war, welchem natürlichen Geschlecht Sonne und Mond zuzuordnen wären.

Auch die modernen Kelten weichen von dem üblichen Schema ab, da sind Sonne wie Mond feminin. Auch in der keltischen Mythologie haben diese Himmelskörper, soweit ich weiß, keine besondere Rolle gespielt.

Ich stelle also fest: Noch nicht einmal bei den Indogermanen gibt es eine feste Regel, welches grammatische Geschlecht Sonne und Mond haben. Dass das grammatische Geschlecht ("maskulin, feminin, neutral") nichts mit dem natürlichen ("männlich, weiblich") zu tun hat, liegt auf der Hand: Männer sind bekanntlich männlich, bilden aber einen neutralen Plural mit Umlaut auf -er; Weiber sind bekanntlich weiblich, grammatisch aber Neutrum. Ähnlich im Hebräischen, da bilden avot 'Väter' einen femininen, naschim 'Frauen' einen maskulinen Plural. Also hat auch das grammatische Geschlecht von Sonne und Mond absolut gar nichts mit unseren Vorstellungen und tatsächlichen Erfahrungen zu tun.

Dass die Alten der Meinung waren, der weibliche Monatszyklus habe etwas mit dem Mond zu tun, wage ich zu bezweifeln. Mondzyklus und weibliche Periode laufen heute wohl nur selten parallel.

Der einzige Hinweis über die Meinung der Alten, der mir dazu einfällt, ist der wissenschaftliche Begriff Menstruation, abgeleitet von lateinisch mensis 'Monat' und nicht von luna Mond. Im klassischen Latein gab es menstruatio 'Monatszyklus' noch nicht, nur menstruus 'monatlich, einen Monat dauernd, auf einen Monat berechnet'.

Dass die Sonne feminin und der Mond maskulin ist, kann ich leider nicht ändern; das ist in den germanischen Sprachen seit mindestens 1600 Jahren nachweisbar und wahrscheinlich seit mindestens 2500 Jahren so üblich.

 

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Sprachecke 04.10.2005

 

Datum: 2005

Aktuell: 16.02.2018