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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Toll

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Frage:

Ein Sprachproblem vorzustellen bereitet mir seit einiger Zeit Kopfzerbrechen. Es handelt sich dabei um das harmlose Wort toll. Bekannt ist es vor allem als Vorsilbe in Tollwut, doch wird es in vielfältiger Bedeutung angewendet. So ruft die Mutter ihren Kinder zu: "geht spielen aber treibt es nicht zu toll. Die Soldaten benehmen sich in der Schlacht tollkühn, und der Jüngling kommt in der Disco tolldreist zur Sache. Mancher Mann hat sich aus Jux und Tollerei in ein Abenteuer gestürzt und eine tolle Nacht erlebt. In früheren Zeiten ist manch einer im Tollhaus gelandet. Und in der Dichtung?

Theodor Storm im Oktoberlied:
»Und geht es draußen noch so toll,
unchristlich oder christlich,
ist doch die Welt, die schöne Welt
so gänzlich unverwüstlich.«

Goethe, Faust 1, Hexenküche:
Faust. »Mir widersteht das tolle Zauberwesen;
versprichst Du mir, ich soll genesen...«
Weiter unten:
»Nein, sage mir, was soll das werden?
das tolle Zeug, die rasenden Gebärden...«

Oder bei v. Fallersleben, "Die Patrioten":
»Sie wurden toll und immer toller,
die Flaschen leer, die Köpfe voller.«

Gehört auch der Tollpatsch in diese Aufzählung oder gar die
Haartolle?

Vollkommen verwirrend wird es im neueren Sprachgebrauch. So hat die Frau, die auf der Modenschau als Modell die neueste Kreation zeigt, eine tolle Figur und das Pin-up-Girl im Männermagazin vielleicht einen tollen Busen. Der Sportler hat im Wettkampf einen tollen Rekord aufgestellt. Der Beispiele gibt es viele.

Wenn Sie in diesen tollen Wirrwarr nach Ursprung, Herleitung, Sprachgebrauch Klarheit herbeiführen könnten, wäre das nicht toll?

   

   

Meine Antwort:

Toll ist wahrhaft ein tolles, verwirrendes Wort.
Um es zunächst klar zu stellen: Tollpatsch 'Tölpel', hessisch Dappes, hat mit diesem Wort nichts zu tun, sondern kommt von ungarisch talpas 'Fußsoldat', gesprochen "tolposch", zu talp 'Sohle'.
Auch der Tölpel hat damit nichts zu tun, sondern ist eine Verkleinerung des frühneuhochdeutschen tölp, Herkunft ungewiss.
Tolle dagegen ist eine niederdeutsche Dialektform von Dolde 'eine Anordnung von Blüten'.

Und nun zu Ihrem Stichwort toll: Es ist entstanden aus germanisch dwelan 'verwirrt sein, daher gotisch dwals 'töricht', von einem, der dumme Fehler macht oder sich verrückt verhält, althochdeutsch tol 'dumm, töricht, albern'.
Ihren Zitaten ließe sich noch eins anfügen aus einem althochdeutschen Spracheführer: »Tole sint Ualhâ = stulti sunt Romani« 'die spinnen, die Römer', die Baiern dagegen sind spâhe = sapientes, was in diesem Zusammenhang wohl eher 'so dass andere es verstehen können, normal' als 'weise' bedeutet. Wie bei Asterix: die Römer machen lauter Sachen, die die Gallier nicht verstehen. Oder sie waren toll, weil sie nicht verständlich sprachen, in bairischen Ohren.

Im Mittelhochdeutschen bedeutet tol:
1. 'töricht, unsinnig ' = dumm
2. 'vermessen' = frevelhaft
aber auch schon 3) 'stattlich, ausgezeichnet', zum Beispiel von einem Ritter, der von seiner Dame einen Kranz bekommen hat oder von einem, der gelobt worden ist (die waren wohl außer sich über diese Ehrung).
Es gibt auch schon tolküene 'tollkühn', tollenkopf 'schwachsinniger Mensch' (als Tadel) und tollentranc 'betäubender Trank.

Im Frühneuhochdeutschen war dolisieren 'sich toll benehmen', dollisieren 'faseln' tolman 'Tobsüchtiger'.

Adelung notiert um 1800:
Toll, ein Wort, in welchem der Begriff einer Art eines ungestümen Geräusches der herrschende zu seyn scheinet. Es bedeutet überhaupt, ein solches ungestümes betäubendes Geräusch verursachend und darin gegründet.
1. Im weitesten Verstande, wo man es im gemeinen Leben noch in allen den Fällen gebraucht, wenn jemand ohne Noth ein betäubendes Geräusch verursacht, es geschehe aus welchen Bewegungen es wolle.
2. In einigen engern und theils figürlichen Bedeutungen.
(1) Aus Zorn oder Trunkenheit ungestüm tobend.
(2) Aus Beraubung des Verstandes und Bewußtseyns tobend und rasend.
(3) Figürlich.
(a) Des gehörigen Gebrauches des Verstandes und Bewußtseyns beraubt, ohne den Nebenbegriff des ungestümen Lärmens, daher alsdann auch der harte Nebenbegriff wegfällt.
b) Seltsam, wunderlich, in der vertraulichen Sprechart.
[Adelung: Grammatisch-kritisches Wörterbuch: Toll. Adelung: Wörterbuch, S. 54060 (vgl. Adelung-GKW Bd. 4, S. 621)]

Grimm um 1850 (Band 21, 632 ff):
Toll:
1. seines verstandes und bewusztseins beraubt und darnach sich geberdend… unsinnig, wahnsinnig, tobsüchtig.
a) von personen 'dumm, thöricht, wahnsinnig, unsinnig, ungeschickt, tobsüchtig, rasend'
b) von thieren: 'ohne Verstand, aggressiv, tollwütig'
ferner: 'betrunken, wirr im Kopf, närrisch, wunderlich, auffallend, grell (von Kleidern), gefühllos (von Körperteilen).
2. gute eigenschaften:
ausgelassen lärmend > fröhlich
wunderlich, auffallend > bewundernswert
3. 'toll machend' (Tollkirche)

Der große Duden bringt:
toll
1. (veraltet) sich aufgrund einer Psychose auffällig benehmend:
2. (veraltet) tollwütig
3. a) ungewöhnlich, unglaublich
b) (ugs.) großartig, prächtig
c) (ugs.) sehr groß, stark
d) (ugs.) <intensivierend bei Verben u. Adj.> sehr
e) (ugs.) schlimm
f) (ugs.) ausgelassen u. wild

Der moderne Sprachgebrauch (anerkennend) hat also seine Wurzeln, die bis ins Mittelalter zurückgehen. Das hat mich selbst überrascht, denn ich empfand toll als ein Modewort aus meiner Jugend (50er-Jahre), also das, was man heute cool oder geil nennt oder voll 'sehr' (das ist voll cool). Warum das alles mit L endet?

Der Sprachgebrauch geht also in zwei Richtungen:
1. von 'töricht' über 'geisteskrank' nach 'rasend'
2. von 'töricht' über 'verrückt, wunderlich' nach 'bewundernswert' und 'sehr'

 

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Übersicht

 

Sprachecke Tollwut

 

Datum: 2005

Aktuell: 26.07.2016