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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Altes Dativ-e

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Frage:

in einem Roman, der in den fünfziger Jahren des letzten Jahrhunderts geschrieben wurde, fiel mir eine Deklination auf, die in meinem gymnasialen Deutschunterricht leider nicht behandelt wurde. Ich erinnere mich jedoch daran, dass meine Großeltern diese Form ebenfalls verwendeten.

Es handelt sich um die Verwendung der Endung "e" in zumeist einsilbigen Substantiven unter der Nutzung des Dativs oder Nominativs, wie z.B. dem Schlosse, Manne, im Sturme, Buche, Bilde, Schlafe, Traume, Dorfe, Briefe, bei Tische, in der Türe, auf dem Meere, im Walde, auf dem Wege, Felde, Lande, Flusse, Kopfe, Eise, Gleise, mit einem Male, beim Barte des, am Rande, Herde, auf dem Bette, Dache liegen, vor dem Tore, etc.

Weitere: Baume, Zaume, Zaune, Fuße, in seinem Blute, zum Schlusse, Glase, Pferde, Hause, Monde, bei Hofe, Fache, Rocke, Mahle, Parke, Wirte.

Diese Endung in mehrsilbigen Wörtern erscheint mir weitaus seltener: in dem Augenblicke, dem Instrumente, Fahrzeuge, im Umkreise, Abstande, in ihrem Gesichte, dem Anschlage entgehen, zu Kreuze kriechen, ...

Viele Substantive können niemals diese Endung annehmen: Wagen, Wohnung, Fenster, Wand, Hand, Kuh, Ziegel, Elefant, Gans, Ganter, Schüssel, Schlüssel, Messer, Gabel, Löffel, Sessel, Brunnen, Eimer, Lehrer ... und natürlich alle die sowieso bereits auf "e" enden wie Tasche, Lasche, Lampe, Löwe ...       

Um welche Deklination handelt es sich?

Ist es eine alte Dialektform?

Welche Regel nimmt Substantive von dieser Endung aus?

Findet sich diese grammatikalische Form im gesamten deutschsprachigen Raum?

Ist die Nutzung eher auf einsilbige Wörter begrenzt und wenn ja warum?

Warum erscheint sie altertümlich?

Welchen Ursprung besitzt diese Form?

Meine Antwort

Sie sprechen da eine Frage an, die mich schon lange bewegt, nämlich die mit dem alten Dativ-e. Wie Sie richtig beobachtet haben, kann dieses E nicht bei jedem Wort stehen. Das hängt damit zusammen, dass wir noch heute im Deutschen mehrere Deklinationen unterscheiden:

1. Die so genannte schwache auf –e(n) / –en: der Name, des Namens usw. (alle anderen Formen mit –en). Alle Geschlechter. Ursprünglich stand im Nominativ immer e. Das s im Genitiv ist relativ neu. Im Mittelalter sagte man der Brunne, des Brunnen. Das ist in den letzten Jahrhunderten sehr unübersichtlich geworden.

2. Die so genannte starke mit besonderen Endungen: der Tag, des Tags … die Tage, den Tagen / der Baum, des Baums … die Bäume / das Haus, des Hauses … die Häuser. Diese Deklination betrifft nur männliche und sächliche Wörter.

Die Ausnahmen haben Sie selbst gefunden: Wörter, die auf l, m, n, r enden, haben s, aber kein e: der Lehrer, des Lehrers, dem Lehrer … die Lehrer, den Lehrern (nicht Lehreres, Lehrere, Lehreren). Das hängt damit zusammen. dass diese Laute auch ohne e eine Silbe bilden können, z.B. im Fränkischen und Bairischen lebn, Madl oder hochdeutsch unseren / unsren / unsern oder Bern(hard) / Bären.

3. Die ganz ohne Endungen im Singular: die Frau, der Frau … die Frauen … die Kuh, der Kuh … die Kühe, den Kühen (nur weibliche Wörter).

Früher hatten einige weibliche Wörter das –en auch im Singular, daher: der Sonnen Schein > Sonnenschein; Marien (nicht ‑as) Bild > Marienbild.

Das Ganze ist noch viel komplizierter. Darauf einzugehen ist hier nicht nötig. Ich beschränke mich auf Nr. 2.

Hier lautete die alte Deklination: der Tag, des Tages, dem Tage, den Tag; die Tage, der Tage, den Tagen, die Tage. Das e steht nur da, wo im Genitiv -(e)s steht.

Das e in Genitiv und Dativ war wohl schon zu Luthers Zeiten in der gesprochenen Sprache geschwunden, blieb aber in der Schriftsprache bis vor einem halben Jahrhundert erhalten. Gesprochene und geschriebene Sprache haben aufeinander eingewirkt, d.h. im gepflegten Deutsch hat man das e gesprochen und schließlich hat die geschriebene Alltagssprache das e erst im Dativ verloren und ist jetzt dabei, es auch im Genitiv zu verlieren: des Tags, dem Tag.

Das schließt nicht aus, dass es in geprägten Wendungen erhalten bleibt wie "beim Barte des Propheten, im Bilde sein".

   

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Übersicht

 

Deklination allgemein

Sprachecke 08.09.2015

 

Datum: 2006

Aktuell: 16.02.2018