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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Elbentritsch

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Frage:

Ich sah neulich in einer Gaststätte ein ausgestopftes Fabeltier, das einen "Elventritsch" darstellen sollte. Was ist denn das? Es erinnerte mich an den bairischen Wolpertinger.
 

   

   

Meine Antwort:

Diese Art von Lebewesen habe ich kennengelernt, weil meine Mutter unsern Hund manchmal "du Ilvetritt" schimpfte, wenn er sie geärgert hatte. Als Erwachsener begann ich mich dann wissenschaftlich mit meiner Heimatmundart zu beschäftigen und erfuhr, dass diese Viehcher im Nachbarort Pfungstadt Tappe oder Trappe hießen und dass diese Wörter immer nur in der Verbindung T(r)appe fange 'etwas Sinnloses tun, seine Zeit vergeuden' gebraucht wurde.

Von daher konnte ich mir zurechtreimen, wo das Schimpfwort herkam, das meine Mutter gebrauchte: Hochdeutsch müsste es Elbentritt heißen, also 'Fußtritt eines Elben / Dämons' (nicht im Sinn von Tolkien): Ein Elbe hat also unsern Hund getreten, seitdem hat er manchmal gesponnen.

Elbentritt kann man aber auch wie T(r)appe verstehen als 'Fußabdruck eines Elben / einer Elfe'. Da schlägt die romantische Vorstellung von den "kleinen Leuten" durch, die nachts im Mondschein auf einer Waldwiese tanzen. Je nach Laune spielen sie heimlichen Beobachtern einen Streich oder tun ihnen Gutes, man weiß nie, wie man bei ihnen dran ist. Mancher, der ihnen zuschaute, kehrte mit einem "Dachschaden" heim – wahrscheinlich hatte er ihn vorher schon, denn Geister sehen ist ja nicht ganz normal.

Der verbreitete Name dieser Wesen ist aber Elbentritsch, vielleicht palatalisiert aus -trieges zu mhd. triegen 'trügen'; der Name würde dann 'dämonischer Trug, Spuk' bedeuten.

GrimmM  1,348: alfs ghedroch, alfsche droch

Weniger gefährlich ist es, nicht die Elfen selbst zu beobachten, sondern nur ihren Fußspuren zu folgen. In diesem Zusammenhang stammt die Redensart T(r)appe / Elvetritscher fange. Ich hörte in den 70er-Jahren, wie Jugendliche herumalberten und einer zum anderen sagte: "Machste mit?" – "Wouhäj?" – "Uff de Hering (Otzberg) Elfetritscher fange", also dummes Zeug treiben.

Elvetritscher fange wurde nach dem Südhessisch Wörterbuch oft gebraucht bei abweisenden Antworten auf Fragen wie "Wo warst du denn?"

Diese Biester fangen ist eine Kunst für sich: Man muss nachts im Mondschein allein in den Wald gehen und versuchen, sie in einen Sack zu locken. Was natürlich nicht gelingt. Das hat man also aus der Redensart herausgesponnen. Dass jemals einer den Versuch gemacht hat, einen Einfältigen wirklich in den Wald zu schicken, glaube ich nicht, das ist nur eine späte Weiterentwicklung der Redensart.

Dadurch sind aber diese Fabelwesen zu jagdbaren Wild und den bairischen Wolpertingern ähnlich geworden. Und dann kam jemand auf die Idee, eins dieser Wesen auszustopfen und zur Schau zu stellen als Verwandten des Wolpertingers. Biologisch liegt aber keine Verwandtschaft vor (wie zwischen Fuchs und Wolf), sondern nur Konvergenz (ähnliche Ergebnisse auf unterschiedlicher Grundlage unter gleichen Umweltbedingungen, vgl. Wal / Fisch / Ichthyosaurus).

Wolpertinger soll einer Weiterbildung aus Wolper sein und dies eine Mundartform von Walburga. In der Nacht vor deren Gedenktag am 1. Mai gehen bekanntlich die Hexen um und treiben andere zwielichtige Gestalten ihr Unwesen. Der Wolpertinger gehört also zur biologischen Familie der dämonischen Tiere, der Elbentritsch dagegen zu den menschenähnlichen Dämonen, wie gesagt Konvergenz, nicht Verwandtschaft.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 25.10.2005

Synonyme Fabelwesen

 

Datum: 2006

Aktuell: 16.02.2018