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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Flannerts

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Frage:

Was es mit dem Flannert auf sich". Ich meine, mich erinnern zu können, dass es sich von flennen 'weinen' herleitet.
 

   

   

Meine Antwort:

Das Wort für den Leichenschmaus gibt es in drei Formen: Flanner, Flannert, Flannerts, dazu noch Flannes, Flennes. Was die geographische Verbreitung dieser Wörter in Süd- und Rheinhessen betrifft, kann ich kein System entdecken. Das scheint von Ort zu Ort unterschiedlich zu sein.

Nach Grimms Deutschen Wörterbuch soll das Wort nicht von flennen, sondern von einem ablautenden seltenen flannen abgeleitet sein. Ein ebenso seltenes Flanner meint einen weinerlichen Menschen. 

Substantive auf -er, die von Verben abgeleitet sind, bezeichnen normalerweise einen Täter wie geben / Geber. So ist auch ein Flenner ein Mensch, der flennt. Flanner könnte also wie bei Grimm im selben Sinne verstanden werden. Das könnte der Grund sein, warum man an dieses Wort der Deutlichkeit halber noch -t angehängt hat, damit keine Missverständnisse aufkommen.

Nun gibt es aber auch Verbalableitungen auf -er, die einen Vorgang bezeichnen wie Hopser, Schluckser, Seufzer, Schnitzer.

Interessant ist in diesem Zusammenhang Walzer, der nicht eine einmalige, kurze Handlung (wie Seufzer, Schnitzer) ist, sondern ein komplexer Vorgang aus Schritten und anderen Körperbewegungen und einer bestimmten Art Musik.

So ist Flannerts nicht nur ein einmaliger Schluchzer oder ein lange anhaltendes Flennen, sondern eine ebenso komplexe Handlung, benannt nach einer Teilhandlung, die aber bei dem Essen kaum noch eine Rolle spielt. Ob Flanner ursprünglich die Beerdigung bezeichnete?

Walzer, eigentlich 'Drehung' ist abgeleitet von walzen 'drehen', dazu das veraltete Walze 'Wanderung der Handwerksburschen' und das bewirkende wälzen 'drehen lassen'. Ob flennen (richtig wäre nach der neuen Rechtschreibung <flännen>) genauso aus flannen entstanden ist?

Die Stammerweiterung -ert liegt auch vor in mundartlich Rabert, Storkert, Mallert 'Rabe, Storch, Kater', letzteres zu schwäbisch Mall 'Kater' / Mulle 'Katze'. Hier handelt es sich aber um Tiere. Das zugefügte -s bei Flannerts soll ebenfalls ein Missverständnis verhindern. Es ist dieselbe Anfügung wie in Dunkes 'Soße', Dappes 'Tollpatsch'.

Ich habe in meiner Jugend einmal gehört Flannerts sei ein derbes Wort, das man nicht sagt, so wie auch flennen für die Tränen der Angehörigen ungehörig ist. Tatsächlich scheint man es zu vermeiden, ich kenne es nur so, dass man über dieses Wort spricht und fragt, woher es kommt. Ich bin in Georgenhausen / Zeilhard regelmäßig zum Leichenschmaus eingeladen worden, aber nie mit den Worten "Kommen Sie zum Flannerts", sondern "Kommen Sie zum Kaffee". In Gernsheim wurde ich seltener eingeladen. Das hängt wohl auch damit zusammen, dass man immer mehr zu "Trauerfeiern" übergeht, die ihre eigene Gesetzmäßigkeit haben. Und mit dem kleinstädtischen, mehr anonymen Milieu.

Nach dem Südhessischen Wörterbuch galt das Kaffeetrinken schon 1928 als veraltet, eine Fehleinschätzung. Ich vermute, dass Flanner, Flannert, Flannerts ursprünglich ein üppigeres warmes Essen mit Wein bezeichnet hat, das im 18er-Jahrhundert durch Kaffee und Kuchen abgelöst wurde.

Das "Rotkäppchen" markiert den kulturgeschichtlichen Übergang: Nach der Erzählung gab's damals noch Wein zum Kuchen. Auf einer zeitgenössischen Illustration steht aber schon die Kaffeekanne auf dem Tisch beim "Flannerts" nach dem Tod des Wolfs.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 22.01.2008

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.03.2016