Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Heimat

Email:

   

Frage:

Nun habe ich irgendwo  gelesen, dass das Wort Heimat mit dem Wort  Himmel verwandt sei. Das wollte ich überprüfen und so kam ich auf Sie bzw. Ihre Seite.

Was mich also interessieren würde:

1. Die vollständige etymologische Herkunft des Wortes Heimat

2. Das Wort Heimat im Sprachvergleich

3. Alles, was Ihnen als Experte noch dazu einfällt und Sie  mitteilenswert finden.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Auch ich verbinde emotional Heimat mit Himmel, aber etymologisch haben die beiden Wörter nichts miteinander zu tun.

Herkunft

In Heimat steckt das Wort Heim 'Wohnung'. Die Anfügung -at ist dieselbe wie in Zierat. Auch in Armut, Kleinod, Einöde ist die Anfügung enthalten, hat sich aber aus gleicher Grundlage unterschiedlich weiterentwickelt. Wahrscheinlich hat man versucht, in den unverständlichen Buchstaben am Schluss ein Wort zu erkennen (Zier-Rat, Arm-Mut, Ein-öde).

Das zeigen auch die althochdeutschen Formen: Neben heimôti, heimuoti stehen heimuodil, heimôdil zu uodil, ôdil 'Erbbesitz'.

Soviel also zu dem nur deutschen Wort.

Romantischer Begriff

Dieser Begriff hat seine Prägung wohl in der Romantik bekommen ("im schönsten Wiesengrunde steht meiner Heimat Haus"): schön bodenständig bleiben, nationalistisch gesinnt und bereit, Grund und Boden samt Weib und Kind mit Hörnern, Zähnen und Schießgewehren gegen die Gefahr aus dem Westen zu verteidigen.

All das ist doch sehr fragwürdig. Die Menschen waren nie bodenständig. In Nähe des Limes gibt es jede Menge römischer Steininschriften zum Gedenken an Angehörige, die irgendwo im Orient gestorben sind, oder Grabsteine von Leuten, die aus dem Orient oder Afrika stammten. Bei der Völkerwanderung, den Kreuz- und anderen Kriegszügen danach war die Menschheit ständig in Bewegung. Im Mittelalter Ostsiedlung, Wallfahrten, Geschäftsreisen, Arbeitssuche, fahrende Studenten. In der Neuzeit weitere Auswanderungen an die Donau und nach Amerika, wandernde Handwerksburschen, und immer wieder Kriege und schließlich zwangsweise Umsiedlungen, Vertreibungen und Flucht. Und heute berufliche Mobilität.

Eine Heimatvertriebene, mit der ich sprach, sagte einmal: "Ich könnte zurück und mir alles ansehen. Meine Heimat, das sind doch nicht die Häuser, sondern die Menschen, mit denen ich aufgewachsen bin." Und die gibt's leider nicht mehr.

Heimat ist also ein sehr problematischer Begriff. Es wäre doch besser zu sagen: "Jeder Mensch hat das Recht dazu zu sein, wo er gerade ist" und die Verpflichtung, sich in die neue Umgebung einzuleben.

Parallelen in anderen Sprachen

Zurück zur Sprache: Ich schrieb, dass Heimat ein Wort ist, das es nur im Deutschen gibt.

Das englische home 'Heim' unterscheidet nicht Herkunftsort und derzeitigen Wohnort. Die romanischen Sprachen benutzen die Nachfolger von lateinisch patria (franz. patrie usw.), das wir mit 'Vaterland' übersetzen, aber auch 'Heimat, Geburtsort' und je nach Herkunft auch 'Vaterstadt' bedeuten konnte (wenn man aus einem Stadtstaat stammte). Ja das Wort konnte auch 'Mutterland' bedeuten aus der Sicht von Auswanderern, die in der Ferne eine neue Stadt gründeten mit dem althergebrachten Recht, Glauben, Brauch und Dialekt.

Der antike Begriff war inhaltlich ganz anders gefüllt: Patria war eher das, was wir als 'Nationalität' bezeichnen. Ein Römer, Jude, Grieche oder Germane blieb auch in der Fremde den Gesetzen seines Volkes treu. Die Römer durften in Germanien erst mal keine Hosen tragen (bis sie merkten, wie praktisch sie in einem kalten Land sind) und in Rom blieben Tunika und Toga für sie Pflicht. Das ist etwa so, wie wenn die muslimischen Frauen auch bei uns lange Kleider und Schleier und die Inderinnen ihre farbenfrohen Gewänder tragen.

Patrie, Vaterland, das ist was anderes als der Herkunfts- oder Wohnort, an den man sich gebunden fühlt, das ist der politische Staat, dessen Bürger man ist, und demgegenüber man "vaterländische Pflichten" hat und möglichst auch Gefühle zu entwickeln hat. Davon sind wir zum Glück etwas abgekommen. Man hat zu viel Unfug mit diesen Verpflichtungen und Gefühlen getrieben. Folge ist allerdings, dass der moderne Mensch in die Isolation getrieben und emotional heimatlos geworden ist. Nicht nur Heimat und Vaterland sind vergangen, auch die Familie ist ja meist nicht mehr in Ordnung. Schade.

 

nach oben

Übersicht

 

Sprachecke 05.08.2008

 

Datum: 2008

Aktuell: 26.03.2016