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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

nicht von Pappe

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Frage:

Woher kommt die Redensart: "Das ist nicht von Pappe"?

   

   

Meine Antwort:

Die Redensart ist anscheinend nicht sehr alt. Grimms Deutsches Wörterbuch (1889) führt sie noch nicht auf.

Der Papp, die Pappe war ursprünglich der Brei, mit dem man kleine Kinder füttert. Durch den darin enthaltenen Kleber kann man diese Masse auch als Kleister verwenden, daher die Bedeutung 'Kleister der Buchbinder' usw. und pappen in der Bedeutung 'kleben'. Normalerweise sagt man aber zu beidem nicht die Pappe, sondern der Papp.

Die Pappe ist heute ausschließlich 'Karton', aus mehreren Lagen zusammengeklebtes Papier, heute oft direkt aus der flüssigen Papiermasse hergestellt.

"Nicht von / aus Pappe " bedeutet nach Dudens Großem Wörterbuch 'kräftig, nicht zu unterschätzen'. Überall, wo diese Redensart erklärt wird, denkt man an den Brei: "Wer nicht von Pappe ist, wurde als Kinder nicht von Brei ernährt, sondern mit einer kräftigeren Kost." (Duden, Redewendungen, ähnlich Röhrig, Lexikon der sprichwörtlichen Redensarten, Lorenz Krüger, Deutsche Redensarten, Duden, Redensarten).

Dagegen spricht aber eine Menge: Jedes Kind wird erst mal mit Brei ernährt, bis es kauen und feste Nahrung zu sich nehmen kann. Man sagt ja auch nicht "mit", sondern "von Pappe", das müsste sich also nicht auf das beziehen, womit man gefüttert wurde, sondern wovon man sich selbst ernährt. Und Brei ist eben nicht von Pappe, sondern durchaus nahrhaft. Die alten Germanen haben mehr Brei als Brot gegessen und waren doch keine Schwächlinge.

Vielleicht war das mit dem Brei ganz anders gemeint: "Es besteht nicht aus weichem Brei, sondern aus festem Material". In der Schule prahlten wir mit unseren Andeutungen von Bizeps und behaupteten, das sei kein Pudding, den wir da unter der Haut hatten. Tatsächlich führt Duden als Beleg an: "Du solltest mal meine Muskeln fühlen, Süße, die sind nicht aus Pappe". Da passt 'Brei' besser als 'Karton', der ja nicht weich und schwabbelig, sondern fest ist.

Dann muss man sich aber fragen, warum man von statt aus sagt: Das ist der Rest eines veralteten Sprachgebrauchs, bei dem man mit von das Material angab: "ein Ring von Gold".

Das wäre eine Erklärung: "Etwas besteht nicht von / aus weichem Brei", sondern ist fest, hart, stark. Da Pappe kaum noch im Sinn von 'Brei' verwendet wird, dachte man an 'Karton', der ja nicht so stabil wie Holz oder Metall ist.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 21.10.2008

 

Datum: 2006

Aktuell: 26.06.2018