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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Relativpronomen

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Frage:

Mir fällt seit einiger Zeit auf, dass das Relativpronomen offenbar eine Veränderung erfährt. Vor Jahrzehnten wurde noch häufig welcher, welche, welches gebraucht. Immer mehr verschwanden diese starken Formen zu Gunsten der, die, das.

Nun höre ich immer wieder was. Also zum Beispiel: "Das Tief Anton, was uns Regen bringt" (häufig so in den Wetterberichten des Fernsehens). Oder vor ein paar Tagen: "Das Video der Entführten, was uns vorliegt...".

Inzwischen habe ich diesen Gebrauch nicht nur von Leuten, deren Beruf eigentlich doch das Sprechen ist gehört, sondern auch gelesen - auch im DE, das meistens doch ordentlich, wenn auch nicht immer richtig schreibt.

Ist die von mir bemerkte Veränderung von welcher zu der und zu was eine Weiterentwicklung der lebendigen Sprache, oder ist das ganz schlicht falsch oder nachlässig?

 

   

   

Meine Antwort:

Das angestammte deutsche Relativpronomen ist der, die das, schon in althochdeutscher Zeit. Es vertritt die zuvor genannten Personen und Sachen. Daneben konnte man auch sagen "der Tag, da ich komme", "das Haus, dar ich wohne". Im Mittelalter kam so als Universal-Relativpartikel auf und war bis ins 17er-Jahrhundert sehr beliebt. In Hessen sagt man "der Mann, wo mir gestern begegnet ist" – eine alte Tendenz zur Vereinfachung, die ihr historisches Recht hat.

Welcher hat eine komplizierte Vorgeschichte als Relativpronomen, entstanden aus "so welcher Mann, so mir gestern begegnet ist." Es hat die Grundbedeutung 'wie beschaffen' und ist als Relativpronomen ziemlich unhandlich. Ich gebrauche es aus stilistischen Gründen, um die Aufeinanderfolge von der der usw. zu vermeiden: "der Unbekannte, der / welcher der Frau die Handtasche abgenommen hat…"

1. Fazit: Der hat nicht welcher verdrängt.

Das Fragepronomen wer, was dient auch hochsprachlich als Relativpronomen: "Sie haben alles mitgenommen, was nicht niet- und nagelfest war." "Ich glaube, was in der Bibel steht." "Was mich betrifft, bin ich ganz zufrieden." "Wer das tut, wird bestraft." Dieses Relativpronomen bezog sich ursprünglich auf ein Demonstrativpronomen im Hauptsatz: das, was; das, was; derjenige, der.

"Wer das tut…" ist sogar eine elegante Vereinfachung von "wenn jemand das tut" (konditionaler Relativsatz).

"Das Video der Entführten, was uns vorliegt..." gilt nach dem Großen Duden als salopp, d.h. nachlässig, nicht korrekt. Richtig wäre das. Aber wer blickt da in dem Dschungel der deutschen Regeln durch?

2. Fazit: Der zitierte Satz ist nicht korrekt.

 

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Datum: 2006

Aktuell: 16.02.2018