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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Kaute

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Frage:

kürzlich las ich das Wort Steinkaute auf einem Straßenschild. Mit mir war jemand, dem das Wort Kaute nichts sagte. Ihnen - so vermute ich - sagt es aber sicher einiges (obwohl es in meinem alten Duden von 1967 (noch?) nicht vorkommt.

   
   

 

Meine Antwort:

Zu meiner Verwunderung sehe ich eben dass im Großen Duden das Stichwort Kaute fehlt, ebenso im Wahrig. Dafür hat das Südhessische Wörterbuch eine ganze Seite mit folgenden Schwerpunkten: 1. natürliche Vertiefung am menschlichen und tierischen Körper, 2. von Mensch und Tier geschaffene oder bewirkte Grube: a) Tiergruben, b) durch menschliche Arbeit oder im Zusammenhang mit dieser geschaffene oder benannte Grube, c) + d) Kauten beim Kinderspiel
Interessant ist die Bemerkung, dass Quellen im Kreis Worms 12"-14" ausschließlich Flurnamen mit Grube kennen. Kaute tritt  14"e auf und setzt sich 17" endgültig durch. Der Ausdruck sei aus Oberhessen gekommen und über die Pfalz bis ins Saarland gelangt, wo im Westen noch Kaule in Geltung sei.
Kaule ist selten und bezeugt in Rheinhessen, Eberstadt und Seeheim.
Ich kannte es nicht, aber Kaut als künstliche Grube für den Mist, als Miete zum Lagern von Früchten, als Abfallgrube und als Loch, das beim Abbau von Bodenschätzen entsteht (Sandkaut und Ihre Steinkaut, dagegen Kiesloch).
Im ehemaligen Kreis Dieburg habe ich auch Lettkutt 'Lehmgrube' gehört, u. zw. noch in der niederdeutschen Fassung mit U statt Au.
Das Wort taucht erstmals 13" als kûte auf, damals noch die übliche Schreibung. Die Kuhle 'Mulde', ebenfalls in niederdeutscher Lautung, kam erst 18" im Hochdeutschen auf, ist in Niederdeutschland aber schon im Mittelalter bezeugt und hat mit zum Untergang unsrer Kaule beigetragen.
Ein anderes Kaule bedeutet 'Klumpen, Kugel' (z.B. in Kaulquappe) und ist mit Keule verwandt. Möglich, dass beide Wörter eins sind. Ein ähnliches Verhältnis haben wir in Kasten = Kiste und Winterkasten, eigentlich ein Bergname.
Vielleicht hängt auch kauern damit zusammen, das ebenfalls aus dem Niederdeutschen kommt (kûren). Merkwürdig ist, dass es daneben ein hochdeutsches hûren gab, beide in der Bedeutung 'sich ducken'.
Wissen Sie, was ich glaube? Dass die Formen mit K nicht germanisch sind. Dem fremden kûle und kûte / kûren würden echt germanisch hula- > hohl, Höhle und dem ebenfalls fremdem kauern das obige hûren 'sich ducken' entsprechen.
Ähnlich merkwürdig ist niederdeutsch Pote neben Fôt, hochdeutsch Pfote / Fuß. Pfote wurde erst von Luther ins Hochdeutsche eingeführt und bekam dazu das dafür erforderlich Pf. Das Wort ist niederfränkisch und ist in seiner Form weder germanisch noch keltisch noch lateinisch, vielleicht ein Erbstück einer vorgermanischen Bevölkerung am Niederrhein. Dasselbe dürfte auch für die obigen Wörter mit K gelten.

 

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Datum: 2007

Aktuell: 26.03.2016