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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Mama

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Frage:

Sagen eigentlich alle Babys auf der Welt "Mama", wenn sie anfangen zu sprechen?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Man muss wohl in einem Land geboren sein und selbst Geschwister oder Kinder gehabt haben, um zu wissen, wie dort Kleinkinder zuerst ihre Mutter nennen.
Ich hatte ja eine lange Liste von Mama-Papa-Wörtern veröffentlicht, die zeigt, dass Mama das häufigste Wort für 'Mutter' ist und ziemlich konkurrenzlos dasteht (wenn man Variationen wie Amma mit rechnet), während beim Vater Wörter mit B/P und D/T etwa gleich stark vertreten sind (Papa, Abba, Atta, Tata).
Diese Wörter sehen aus wie das Natürlichste der Welt. Und doch unterliegen sie auch der Mode. Beispiel: Papá und Mamá kamen vor 1800 mit der französischen Mode auf. Bei uns in Hessen gibt es die wahrscheinlich älteren Nebenformen Bābe und Mamme. Für den Vater waren aber auch Atta, Ätte und Tate gebräuchlich. Eine Weiterbildung zu Mamme ist das alte Muhme 'Schwester der Mutter'. Amme ist nicht die leibliche Mutter, sondern eine Frau, die das fremde Baby stillt.
Die lautlich ähnlich gebildeten Opa, Oma sind noch keine hundert Jahre alt und aus den kindlichen Lallformen Omama, Opapa < Großmama, Großpapa entstanden. Ursprünglich sagte man Ahn, Ahne, Ähni usw.
Aufgrund dieser Beobachtungen vermute ich, dass die Häufigkeit von Mama auf kulturellen Einfluss zurückgehen könnte. Die feinen Leute hatten vor 150 Jahren bei uns französische Gouvernanten, welche die Babys schon im zarten Alter französisch Papa, Maman lehrten. In den ehemaligen Kolonialgebieten hatte man eingeborene Kindermädchen, die die Sprache ihrer Dienstherrschaft sprechen mussten und die europäischen Wörter an ihre eigenen Kinder weitergaben.
Wie stark diese Lallwörter dem kulturellen Wandel unterworfen sind, sehen Sie an drei Beispielen:

  1. Chinesisch , lauten ursprünglich bá, me oder mǝ̄́ (also so ähnlich wie bei uns). Heute sagt man im erwachsenen Sprachgebrauch meist fùqīn, mǔqīn (mit qīn 'blutsverwandt'), zusammengesetzt wie unser Va-ter, Mu-tter. In der Familie sind aber auch baba und mama gebräuchlich, kein Import, sondern Verdopplung der einfachen Silben.

  2. Alttürkisch heißt der Vater ata, die Mutter ana. Die heutigen Türken sagen dagegen baba und anne und benutzen für 'Vater' sogar das "feine" persische Wort peder.

  3. Althebräisch heißen die Eltern אב áb und אם ém, auf Jiddisch aber טאַטע Tate ("Daddy") und מאַמע Mamme.

LALLWÖRTER entstehen dadurch, dass kleine Kinder hören, wie die Erwachsenen sprechen, und versuchen diese Laute nachzumachen. Die Erwachsenen verbinden diese "Wörter" mit einem Sinn, z.B. ata oder tata bedeutet nicht 'Vater' sondern 'weggehen' und heia 'Bett'. Das hat eine gewisse Tradition, so hat man als Kind auch schon gesprochen. Solche Wörter sind überraschend weit verbreitet und wahrscheinlich ziemlich alt.
Mit fortgeschrittener Fähigkeit versuchen die Kinder dann auch Erwachsenenwörter nachzusprechen, was nicht immer gelingt. Mein Enkel sagte z.B. für Schokolade "Schokomane". Jetzt kann er's richtig. Die Lall-Namen der Geschwister aber bleiben oft zeitlebens erhalten. Dann heißt die erwachsene Dorothea immer noch Dodo, Irmgard Emma, Bernhard Benno, englisch Richard Dick und Robert Bob.
Die Kinderwörter für Vater könnten aus dem Versuch entstanden sein, das indogermanische pater nachzusprechen, so lassen sich jedenfalls die Varianten mit B/P und D/T erklären. Bei der Mutter war's eher umgekehrt, die bekam die Endung vom Vater (ter 'Haus'), ursprünglich sagte man nur Ma, Am, Mama, Amma.
Lallwörter sind auch Bube 'Junge' und Buhle 'Liebste(r)', dies war ursprünglich 'Verwandter' und entstellt aus Bruder.

 

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Begriffe: Familie | Verwandtschaftsbezeichnungen

 

Datum: 2008

Aktuell: 22.03.2018