Startseite | Religion | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

wohl

Email:

   

Frage:

Wie ist das mit dem Wörtchen wohl? Angeregt zu dieser Frage hat mich ein Bibelzitat bei einer Beerdigung: "befiehl dem Herrn deinen Weg, er wird's wohl machen".

Hier wahrscheinlich im Sinn von 'gut, richtig, passend' gemeint. Im adverbialen Gebrauch ergeben sich ja mannigfache Bedeutungen: 'richtig, gesund, schön, angemessen' etc. und auch einschränkend oder vermutend ("ob er wohl kommt?"). Auch als Aufmunterung: "Wohlan die Luft geht frisch und rein.." . Zweifelnd, verunsichert u. a. Beschwichtigend "wohl, wohl" = ist ja gut o. ä. In Verbindung mit Substantiven (Wohltat u. ä.) wohl meist in positiver Bedeutung.

Dann fallen mir noch Beziehungen zum Englischen (well) und Holländischen (wel) ein.

Ich habe mal ein paar Jahre mit Amerikanern beruflich zu tun gehabt. Wenn ich ein "well done" bezüglich meiner Arbeit zu hören bekam, habe ich mich wohlgefühlt. Sollte man nun wellness wörtlich mit 'Wohlheit' übersetzen? Sicher fällt Ihnen noch einiges mehr zu diesem Thema ein.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Ihre Vermutungen sind richtig: Wohl ist das alte Adverb zu gut, zum Beispiel bei dem Bibelvers Psalm 37,5 "Befiehl dem Herrn deine Wege und hoffe auf ihn, er wird's wohl machen", d.h. er wird alles gut machen. Grundlage sind Wörter wie wollen, wählen. Wohl bedeutet also 'wünschenswert, optimal' (wie im Englischen und Holländischen ursprünglich mit E).

Der Unterschied zum heutigen Sprachgebrauch liegt in der Betonung: "Er wird's wohl machen", d.h. er wird's vermutlich schon irgendwie hinkriegen. Das steht am anderen Ende der Skala der Bedeutungen:

  • wohl

    • 'gut'

    • bestätigend: "ich weiß wohl, dass …"

    • einräumend: "Hier kommen diese Tiere nicht vor, wohl aber in anderen Ländern"

    • 'ungefähr'. "es waren wohl 200 Leute beisammen"

    • 'zwar': "Er sagte wohl…, aber"

    • verstärkend: "Man wird doch wohl fragen dürfen"

    • 'vermutlich': "Das wird wohl das Beste sein"

Zu den zusammengesetzten Wörtern gehören (persönlich:) Wohlbefinden (= wellness), Wohlbefinden, Wohlbehagen, Wohlergehen, (gemeinschaftlich:) Wohlfahrt, Wohlstand, ferner: Wohlgefallen, Wohlwollen, Wohlklang, die von Ihnen erwähnte Wohltat, Wohlverhalten und vieles Andere mehr. Ferner im 2. Glied z.B. Lebewohl (= fare well).

Dass wohl das Adverb von gut ist, ist uns heute nicht mehr bewusst, weil wir dasselbe Wort verwenden bei Substantiven (= Adjektiv) und Verben (= Adverb): "Das tut gut – die gute Tat – die Tat ist gut". Früher hätte man gesagt "Das tut wohl", daher auch Wohltat.

In der alten Sprache hängte man an die Adverbien –lich, z. B. biblisch "Der König lebe ewiglich – das ewige Leben". Ähnlich englisch "you can easily do so an easy work".

Abgeblasste Bedeutungen haben aus bald 'kühn', schon (= schön), sehr 'schmerzlich' (vgl. "versehren").

Ist Ihnen aufgefallen, dass man von gut nicht nur für das Adverb, sondern auch für die Steigerung abweichende Wörter verwendet? gut – besser, best – wohl. So auch im Lateinischen: bonus – melior, optimus – bene – Griechischen: agathós – améinoon, áristos – eu. Bei den Steigerungsformen habe ich den Eindruck, dass man früher anders gedacht hat: englisch bad – better, lateinisch malus – melior, d.h. die Steigerung von böse ist nicht böser (englisch worse), sondern in die andere Richtung besser. Es hat einige Zeit gedauert, bis die Grammatiker gemerkt haben, dass die unterschiedlichen Wörter inhaltlich zusammengehören.

 

nach oben

Übersicht

 

Sprachecke 23.12.2014

 

Datum: 2008

Aktuell: 12.06.2017