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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Religion

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Frage

Antwort

Heidnisch: Gewissenhaftigkeit

Mittelalterlich: Bindung an Gott

Neuzeitlich: Weltanschauung

Christlich: Bekenntnis zu Jesus Christus

 

Frage:

Ich möchte Sie bitten, mir zu helfen die Herkunft des Wortes Religion klären.

Es gibt ein lateinisches religio und religare, was mir aber nicht wirklich weiterhilft, u.a. deshalb, weil ich dem lateinischen Wort nicht ansehen kann, ob es erst im Kirchenlatein die heutige Bedeutung von 'Gottesglaube' erhielt. Ich glaube gelesen zu haben, es gäbe eine ältere, indogermanische Wurzel.

Was mich interessiert: Wann und wie ist das Wort zu seiner heutigen Bedeutung gekommen? Mit der christlichen Lehre oder mit dem Judentum? Oder hat das mit Monotheismus nichts zu tun und es war schon zuvor gebräuchlich.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Ein indogermanisches Wort für 'Religion' gibt es nicht; in den frühen Kulturen war nicht der Glaube oder die Zugehörigkeit zu einer Religionsgemeinschaft entscheidend, auch nicht die besonderen Bräuche der eigenen Gruppe, eher die Pflichten, die man gegenüber den Wesen der Anderwelt hatte, besonders gegenüber dem Himmelsgott, der für Recht und Ordnung stand. Dafür gab es das keltische, slawische und gotische Wort *dʰḷgʰ- 'Verpflichtung', got. dulgs 'finanzielle Schuld'.

Religio heidnisch: Gewissenhaftigkeit

Lateinisch religio hatte mit "Glauben" oder "Konfession" nichts zu tun, sondern mit den praktischen Auswirkungen auf die Lebensführung. Re-ligio 'Gewissenhaftigkeit' ist verwandt mit di-ligere 'hoch achten, schätzen', später von der Nächstenliebe, di-ligens 'sorgfältig', neg-legere 'vernachlässigen' (nach Walde, Lateinisches etymologisches Wörterbuch).

Nach Georges Wörterbuch bedeutete religio: 1. gewissenhafte Pflichterfüllung in jeglicher Hinsicht; 2. Gewissensbedenken, die daran hindern etwas zu tun; 3. Andacht, Frömmigkeit, Religiosität, die abweichenden Vorstellungen und Sitten anderer Völker; Aberglaube; 4. religiöse Ehrfurcht, ihr Gegenstand ("das Heilige") und Gegenteil ("Sünde"); religiöse Verpflichtung, eidliche Verpflichtung; Heiligkeit; 5. Kultus, Religionsausübung; 6. Heiligtum, Tempel; ein Zeichen der Götter, das die Priester deuten.

Mittelalterlich: Bindung an Gott

Das alles war vorchristlicher Sprachgebrauch. Wie das lateinische Wort sich im kirchlichen Sprachgebrauch weiter entwickelt hat, kann ich nicht nachvollziehen. Urchristlich ist es jedenfalls nicht und ich könnte mir vorstellen, dass man die oben genannten Bedeutungen ohne weiteres auf die christlichen Verhältnisse übertragen konnte.

Wichtig ist nicht nur, welche Bedeutung dieses Wort hatte, sondern auch, wie man es gedeutet hat: Cicero hat religio abgeleitet von relegere 'immer wieder lesen > sich immer wieder neu besinnen, gewissenhaft sein', der lateinische Christ Lactantius (um 300) von religare 'anbinden > sich an Gott binden'. Dies war die mittelalterliche Auffassung.

 

  Cicero, De Natura Deorum 2,28,72
http://www.thelatinlibrary.com/cicero/nd2.shtml
Qui omnia, quae ad cultum deorum pertinerent, diligenter retractarent et tanquam relegerent, sunt dicti religiosi, ex relegendo, elegantes ex eligendo, diligendo diligentes, ex intellegendo intellegentes; his enim in verbis omnibus inest vis legendi eadem quae in religioso. = Wer alles, was mit der Verehrung der Götter zu tun hat, sorgfältig immer wieder erwägt und sozusagen immer wieder liest, wird religiös genannt, von relegere 'immer wieder lesen': genauso: elegant von eligere 'auswählen', diligens 'sorgfältig' von diligere 'schätzen, achten', intelligent von intellegere 'wahrnehmen und verstehen'. In allen diesen Wörtern steckt dasselbe Grundwort legere 'einsammeln, lesen' wie in religiös.
 
     
     
  Lactantius, Divinae Institutiones 4,28
http://www.textlog.de/5046.html
Vinculo pietatis obstricti Deo et religati sumus, unde ipsa religio nomen accepit = Wir sind durch das Band der Liebe mit Gott verbunden und an ihn religati 'gebunden', daher hat die Religion ihren Namen.
 

 

Natürlich haben beide Wörter Vorgänger im Indogermanischen (*leƺ- 'zusammenlesen, einsammeln' bzw. *leig- 'binden'), das hilft aber nicht zum Verständnis der Wortes.

Die christliche Auffassung 'Bindung an Gott' schlägt sich in den spätmittelalterlichen Übersetzungen nieder (nach Dief 491, ich übersetze ins Hochdeutsche):

  •  religio 'Verbindung mit Gott, geistliches Leben, heilige Versammlung (= Gottesdienst), Gehorsam, untertänig'

  • religiositas 'geistliches Leben, heilige Versammlung, Gehorsam'

  • religiosus 'Gott ergeben, gottverbunden, geistlich, christlich'

Religio war fast immer die eigene Einstellung; für die Andersgläubigen begnügte man sich lange mit Heiden(tum) (= Nichtchristen, auch die Muslime und teilweise sogar die Juden), für christliche Abweichler hatte man die Ausdrücke häretisch (falscher Glaube) oder schismatisch (von der jeweiligen Kirche abgespalten). Ketzer waren ursprünglich die Katharer, eine Sekte in Südfrankreich.

Neuzeitlich: Weltanschauung

Die Bedeutung 'religiöse Überzeugung' kam erst durch die Reformation, als es galt, sich gegen andere christliche "Konfessionen" abzugrenzen. Da fällt mir der Ausdruck "cuius regio, eius religio" ein, wes das Land, des der Glaube, der Landesherr entschied, welche Konfession in seinem Herrschaftsbereich gelten sollte. Calvins wichtigstes Werk hieß "Institutio Christianae Religionis", Unterricht in der christlichen Religion, Unterweisung im christlichen Glauben, das grundlegende Werk für die reformierte Glaubenslehre.

Andere Sprachen:

Das Wort Religion kann seine Herkunft aus dem Lateinischen nicht verleugnen. Andere Sprachen haben dafür ganz andere Ausdrücke:

  • neuhebräisch דת dat 'Religionsgesetz' (aus dem Persischen) für die jüdische Lebensweise, אמונה ämûnâ 'Glaube' für die christliche Lehre.

  • neugriechisch θρησκεα thriskía 'Verehrung'

  • arabisch allgemein دىن dîn 'Schuldigkeit', besonders اسلام islâm 'völlige Hingabe an Gott', مسلم muslim 'einer, der sich Gott hingegeben hat'.

Christlich: nicht Monotheismus, sondern Bekenntnis zu Jesus Christus

Der Glaube an den einen Gott (Monotheismus) war bei den ersten Christen als ehemaligen Juden noch selbstverständlich. Worin sie sich von den Juden unterschieden, war ihr Bekenntnis zu Jesus Christus. Erst mit der Heidenmission bekam das Bekenntnis zum Monotheismus Bedeutung. Und wurde wieder unwichtig mit der Einführung des Christentums als Staatsreligion bzw. der Bekehrung der letzten Heiden in Europa.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 02.02.2010 | 03.12.2013

Glaube. Unglaube, Andersglaube

 

Datum: 2009

Aktuell: 26.03.2016