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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

-fähig, -bar

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Frage:

Ihre heutigen "Wortbausteine" ermutigen mich, ihnen eine besonders scheußliche Wortmißgeburt vorzuführen: recyclingfähig. griechischer Wortstamm, englische Form, lateinische Vorsilbe, deutscher Schlussbaustein. Wenn ich das damit Gemeinte ausdrücken will, verwende ich meine eigene Wortschöpfung recyclierbar und habe dabei wenigstens die linguistische Beruhigung, den falsch verwendeten Wortbaustein ‑fähig, der etwas Aktives ausdrückt, durch das passive –bar  ersetzt zu haben, ... wenn es nur nicht das gut deutsche Wort strapazierfähig gäbe!

 

 

   

 

Meine Antwort:

Das hybride recyclingfähig ist auch mir nicht sympathisch. Gab es da nicht mal das deutsche wiederverwertbar?

Bei Namen für neue Errungenschaften habe ich oft den Eindruck, dass die Namengeber gar nicht verstanden hatten, was sie da erfunden hatten. So ist es auch mit dem Recycling. Recycling könnte auch sein, wenn man im Kreisverkehr eine zweite Runde dreht, weil man die richtige Ausfahrt übersehen hat. Zudem erweckt Recycling den Eindruck, als sei das eine ganz moderne Errungenschaft. Dabei ist das eine uralte Überlebenstechnik: Man schmeißt nicht unnötig was weg, sondern führt die Überreste einer neuen Verwendung zu.

Selbstverständlich gehört zu wiederverwerten nicht wiederverwertfähig, sondern wiederverwertbar oder wiederverwertungsfähig. 

Der Unterschied zwischen -fähig und -bar ist normalerweise, dass -fähig an das Substantiv angehängt wird und -bar an das Verb. Beispiel: haftfähig 'für die Haft geeignet = einsperrbar' und haftbar 'muss haften' etwa dasselbe wie haftungsfähig 'kann die Haftung übernehmen'.

Wenn -fähig an ein Verb angehängt wird, da haben Sie völlig Recht, bezeichnet es normalerweise das aktive Können, während -bar das passive Gemachtwerden-Können ist: Denkfähig 'wer denken kann' – denkbar 'was gedacht werden kann'. saugfähig 'kann saugen' – saugbar 'kann gesaugt werden'

Strapazierfähig wäre etwas, was strapazieren kann (das ist wohl keine Kunst, die hervorgehoben werden muss). Das Passiv ist strapazierbar. Oder österreichisch richtig strapazfähig.

Was wiederverwertet werden kann, ist entweder recyclingsfähig oder recycelbar. Recycelfähig könnte ein Betrieb sein, der aus Altpapier Karton macht oder Schrott wieder einschmilzt.

 

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Übersicht

 

 

 

Datum: 2010

Aktuell: 26.07.2016