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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

Segel streichen

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Frage:
Woher kommt der Ausdruck "die Segel streichen"?

 

 

   

 

Meine Antwort:

"Die Segel streichen" bedeutet 'kapitulieren, aufgeben, nachgeben'. Gemeint war ein Segenschiff, das im Krieg oder von Seeräubern angegriffen wurde. Solange die Segel gesetzt waren, konnte die Mannschaft das Schiff lenken, etwa dem Gegner die Breitseite mit den Kanonen zuwenden, sich in eine günstige Position versetzen oder zu fliehen versuchen. War der Feind zu stark, konnte man vielleicht sein Leben retten, wenn man kapitulierte. Wie sollte man das aber deutlich machen? Man hatte ja noch kein Funkgerät.

Deshalb hatte man sich auf ein Zeichen geeinigt: "Segel runter" war auf See dasselbe wie auf dem Land "Hände hoch": Das Schiff ohne Segel war manövrier- und kampfunfähig, so wie der Fußsoldat mit erhobenen Händen nicht kämpfen kann. Statt der Segel kann man auch die Flagge mit dem Hoheitszeichen streichen und damit den Anspruch auf das Schiff aufgeben. Die Eroberer haben dann ihre eigene Flagge gesetzt.

Bei den Segelschiffen sind am Mast Querstangen (Rahen) befestigt, an welchen die Segel hängen. Wenn man die Segel nicht braucht, z.B. im Hafen, müssen die Matrosen hochklettern, die Tücher nach oben ziehen, zusammenrollen und verschnüren. Das alles braucht viel Zeit. Beim Kapitulieren muss es aber schneller gehen. Man hat also die Befestigungen der Rahen gelöst, so dass Stangen und Tücher mit einem Mal herunterfielen.

Warum aber sagt man zu diesem Vorgang streichen? Dieses Wort kann ja alles Mögliche bedeuten, alles unter dem gemeinsamen Gedanken 'mit leichter Berührung an einer Oberfläche entlang bewegen', also z.B. mit den Händen sanft streicheln oder derb "eine runterhauen", mit Pinsel, Spachtel oder Messer eine weiche Masse auftragen, in einem Gelände umherstreifen. Dazu gehört auch im seemännischen Sprachgebrauch die Bedeutung 'an einem Tau herabgleiten lassen'. "Streichen" sagt man nicht nur von den Segeln, sondern auch von Lasten, die man mit einer Art Kran in den Schiffsbauch hinablässt oder herausholt – ich weiß nicht, weil das "Gestrichene" am Mast oder an Brettern entlang rutscht, oder weil das Tau dabei durch die Hände gleitet.

 

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Übersicht

 

Sprachecke 29.01.2013

 

Datum: 2010

Aktuell: 16.02.2018