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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

-städter / -stadter

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Frage:

Warum heißt die Tropfsteinhöhle von Eberstadt "Eberstadter" und nicht "Eberstädter Tropfsteinhöhle"?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Man neigt heute dazu, Ableitungen von geographischen Namen ganz schematisch mit Name + Endung zu bilden:

  • Bayer > bayerisch (alt: bayrisch)

  • Fulda > Fuldaer (alt: Fulder)

  • -hausen > -hausener (alt: -häuser, -au-)

  • -hofen > -hofener (alt: -höfer, -o-)

Soweit, so gut. Warum man aber mal Umlaut (ä, ö, ü) schreibt, mal nicht, ist schwer zu erklären.

Ich versuch's mal historisch:

Es gibt eine sehr alte Bildungsweise, bei der die Einwohnernamen auf -wari, heute -er gebildet werden. Dürftige Reste davon sind;

  • Burg > Bürger, Römer, Bayer (zu erkennen in altenglisch burgware, Rómware, althochdeutsch Baiwari).

  • Weitaus häufiger war die Berufsbezeichnung auf -âri, die auf lateinisch -ârius zurückgeht: lat. notarius > Fremdwort Notar, tolonarius > Fremdwort Zöllner, also auch Lehrer, Fischer, Schäfer und allgemeiner Träger, Helfer, Jäger (personenbezogen).
    In beiden Fällen steht, wenn's geht, Umlaut. Bayer ist eine Ausnahme, die in der Wortgeschichte begründet ist. Notar ist erst in jüngerer Zeit aus dem lateinischen übernommen, daher kein Umlaut.

  • Daneben gab es alte sachbezogene Ableitungen auf -ar, die keinen Umlaut bilden (lag > Lager, schob > Schober, Wucher.)

  • Außerdem gab es noch die althochdeutschen Flexionsendungen:

    • schwaches Adjektiv -er ohne Umlaut: armer Mann

    • Steigerung -iro, -isto meist mit Umlaut: länger, längst

    • Mehrzahl -ir mit Umlaut: Kälber, Dörfer.

All das ist heute zu -er geworden, so dass man nicht mehr weiß, was richtig ist.

 

Die Bewohner von -dorf, -stadt, -hofen oder -haus müssten wie bei Bürger einen Umlaut haben:

  • ‑dörfer, ‑städter, ‑höfer, ‑häuser. Also der Rossdörfer, Eberstädter, Sickenhöfer, Babenhäuser.

  • Aber: Dieburger, Obernburger, Ladenburger (wohl um eine Verwechslung mit ‑bürger auszuschließen), Frankfurter, Beerfurther / Fürth > Fürther

Wie ist es aber bei Adjektiven?

"das Rossd… Rathaus, die Eberst… Tropfsteinhöhle, der Sickenh… Bürgermeister, das Babenh… Schloss".

Normal müsste auch hier Umlaut stehen, weil es dasselbe Wort ist. In der Praxis ist aber keine Regel zu erkennen:

Es gibt in Messel, Ober-Ramstadt und Reinheim eine Roßdörfer Straße (nach dem Ort bei Darmstadt), in Frankfurt, Hanau und Bruchköbel aber eine Roßdorfer Straße, benannt nach dem oberhessischen Ort. Braucht man sich da über die Eberstädter Kerb und die Eberstadter Tropfsteinhöhle zu wundern?

 

Das allgemeine Problem ist ja, dass es für Namen keine Rechtschreibregeln gibt. Man schreibt "Groß-Bieberau", aber "Biberach" (zum Nagetier Biber). Die Bewohner eines Reinheimer Vororts legen Wert darauf, dass dessen Name "Ueberau" geschrieben wird (auch meine erste Schreibmaschine hatte kein großes Ü). Ich kannte drei gleichaltrige Patricks, zwei sprachen ihren Namen englisch, einer deutsch. In Leeheim gibt's die Familien Wiesenecker und -äcker. Die Schmiede hämmern Eisen, aber die Schmidts sind evangelisch und die Schmitts katholisch. Namen sind historisch gewachsen und lassen sich in keine Regel pressen, das gilt auch für die Einwohnernamen.

In Kassel unterscheidet man, je nach Alter der Familie Kasseler, Kasselaner und Kasseläner. In Hannover leben die Hannoveraner und unterstehen dem hannoverschen (-ö-) Oberbürgermeister. Die Einwohner von Hahn bei Pfungstadt nennen sich Hahner, die von Hahn bei Ober-Ramstadt Hähner, wie die Einwohner von Hähnlein.

 

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Diskussion

Sprachecke 27.09.2016

 

Datum: 2010

Aktuell: 22.09.2016