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Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

verdotzelt

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Frage:

Neulich hat mich jemand nach der Bedeutung und Herkunft des Wortes verdotzelt gefragt. Ich konnte es nicht erklären (außer, dass es bei uns in Heppenheim 'verdörrt' bedeutet). Könnten Sie sich des Wortes einmal annehmen und nachforschen, woher der Ausdruck stammt?

 

 

   

 

Meine Antwort:

Verdotzelt kannte ich bisher noch nicht. Bei Google fand ich gerade mal 10 Belege, die Ihre Erklärung 'verdörrt' bestätigen:

  1. Würtschen: verschrumpelt und verdotzelt

  2. eine Blumenpflanze: verdotzelt und trocken

  3. Kartoffeln sind zu Frühjahrsbeginn zu verdotzelt, um wieder austreiben zu können

  4. verdotzelt und verhutzelt

  5. Paprika: bevor sie alt sind und verdotzelt

  6. Erdbeeren sind schon verdotzelt

  7. eine Pflanze: die paar Augen sind verdotzelt

  8. Dosenfutter: weil der Rest schwarz und total verdotzelt war

  9. ganz weich verdotzelt

  10. junge Pflanzen: nicht verschimmelt, verfault, verdotzelt oder sonstwie versaut

Es geht also um Pflanzen oder Nahrungsmittel, die verdorben und nicht mehr zu gebrauchen sind. 'Verwelkt, verschrumpelt, vertrocknet' passt auf die meisten Belege.

Dann könnte verdotzeln von verdotzen kommen, das nach dem Südhessischen Wörterbuch bedeuten kann: 'durch Aufprall verletzen; durch falsche Behandlung verderben; ein Nest zerstören; ein Vorhaben zunichte machen; verprügeln'.

Das einfache dotzen kenne ich aus dem Sport: 'einen Ball auf dem Boden aufprallen lassen und wieder fangen'.

Die Grundbedeutung ist wohl stoßen. Ich kannte von zu Hause ein Spiel, bei dem man seine Stirn an die Stirn des Babies stößt. Dazu sagten wir Stutzbock. Meine Frau kannte das unter dem Namen Hammele dutz. Also stutz = dutz, mal mit, mal ohne s-. Stutz gehört zu stoßen wie Schütze zu schießen. In der Mundart wechseln oft o und u (Nr. 4 kann man auch sagen: verdotzelt und verhotzelt).

Ver- deutet oft an, dass eine Handlung zu einem Ergebnis führt: Nachdem etwas lange genug gefault hat, ist es am Ende verfault. Wenn jemand schlampt, hat er am Ende seine Sachen verschlampt. Wenn jemand Ostereier dotzt (gegen andere stößt), gehen sie kaputt und werden verdotzt.

Die Endung -eln gibt zu erkennen, dass eine Handlung nicht mit aller Energie ausgeführt wird: köcheln 'leicht kochen', streicheln 'leicht streichen'. So lässt sich verdotzelt verstehen als 'nicht mit voller Wucht aufgestoßen, sondern nur leicht. So hat man es früher mit harten Äpfeln oder Birnen gemacht, die wurden leicht gestoßen (geplotscht), bis sie weich waren.

Da haben wir auch den Übergang von 'leicht gestoßen' über 'weich' zu 'vertrocknet': Das Beispiel 3 zeigt es: Auch wenn man die Kartoffel ganz vorsichtig im Keller lagern würde, dass sie nicht verstumpt werden, wären sie im Frühjahr verschrumpelt, weil sie ja noch leben und dabei Wasser verdunsten. Mit den Hutzeln (Dörrbst) macht man es genauso: Die vorbereiteten Obststücke werden durch Wärme getrocknet und damit haltbar gemacht. Sie verlieren dabei Wasser und schrumpeln ein.

 

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Datum: 2010

Aktuell: 26.07.2016