Startseite | Religion  | Sprachwissenschaft | Geschichte | Humanwissenschaft | Naturwissenschaft | Kulturwissenschaft | Kulturschöpfungen

Sprachen | Wörter | Grammatik | Stilistik | Laut und Schrift | Mundart | Sprachvergleich | Namen | Sprachecke

Heinrich Tischner

Fehlheimer Straße 63

64625 Bensheim

Sprachecke in den Echo-Zeitungen

Fragen und Antworten

wissen / weiß

Email:

   

Frage:

Mich interessiert, ob es einen Verbindung zwischen weiß im Sinne der Farbe und weiß im Sinne von 'Weisheit, Witz, Erkenntnis'.

Im Englischen haben wir ja auch white, wisdom, wise, witty... und Ähnliches im Niederdeutschen bzw. Elemente davon auch in Regiolekten des Ruhrgebiets. "Witte" hieß hier im Mölschen (Mülheimer Platt) wie es meine Großeltern noch sprachen z. B. 'blond'.

 

 

   

 

Meine Antwort:

Wie im Englischen zu erkennen, sind white und witty nicht mit einander verwandt. Im Englischen sind germanische hw-, engl. wh- und ursprüngliches w- säuberlich zu unterscheiden. Im Deutschen sind die Unterschiede verwischt.

Ich gehe also von den germanischen Wörtern aus, um ihren Ursprung weiter zurück zu verfolgen:
 

Wissen < germ. wîtan (langes i) < idg. *ʊeid-.

Parallelen:

  • lateinisch vidēre 'sehen, vīdi 'ich habe gesehen'
    wie in Caesars berühmten Telegramm "Veni, vidi, vici, ich kam, sah, siegte".

Was man gesehen hat, prägt man sich ein und weiß es später noch, daher:

  • griechisch oida (< *woida) 'ich weiß'.

Dem entspricht lautgerecht mit oi > ei und d > t > ß deutsch ich weiß.

Das merkwürdige Nebeneinander von ich weiß und weise, witty und wise erklärt sich daraus, dass schon im Indogermanischen veidtos 'wissend' zu ‑s- geworden ist (lateinisch visus 'gesehen').
 

Die Farbe weiß < germ. *ħwītaż aus idg. *cʊeid-.

Eine Ableitung, der man's nicht ansieht, ist Weizen, von dem das Weißmehl stammt. Bei uns in Hessen sagt man ich wāiß, waiß (Farbe), iß 'Weizen', einheitlich mit ‑ß.

K wurde im Ostindogermanischen manchmal wie S gesprochen, daher folgende Parallelen:

  • aind. श्वेत śvētá (< *sveita) 'weiß, hell, glänzend, weißes Pferd, Schimmel'

  • aslaw. свѣтъ svētŭ 'Licht, Welt' (< *sveit-)

Ein sachlicher Zusammenhang zwischen Licht > 'hell' > weiß und wissen und 'sehen' drängt sich geradezu auf:

  • "Ich verstehe" = "Da geht mir ein Licht auf = mir wird etwas klar (lateinisch clarus 'hell')"

  • erklären = erläutern (lauter 'hell')

  • "Er ist nicht der hellste = so hell wie ein Päckchen Dunkel" = dumm

Von daher halte ich es für nicht unwahrscheinlich, dass in einem sehr frühen Sprachstadium *cʊeid- 'weiß' und *ʊeid- 'sehen' auf dasselbe Wort zurückgehen.

Ich habe auf meiner Seite zum Thema Abklang Beispiele zusammengestellt, bei denen ebenfalls am Anfang manchmal k- (h-), s- oder ein Vokal steht, wie hören / Ohr = germ. haużjan / auża(n). Dazu gehören auch "ich weiß / weiß". Da dies auch in nicht-indogermanischen Sprachen zu beobachten ist, muss das auf eine sehr alte Spracheigentümlichkeit zurückgehen. Entweder war k- eine Vorsilbe wie bei Bauer = (veraltet) Gebauer oder es stand da ursprünglich ein Laut wie Ch, den man später nicht aussprechen konnte und weggelassen oder durch K ersetzt hat.

 

nach oben

Übersicht

 

japhet. *ʊėɖ- 'hell' | Begriffe: hell und dunkel | Farben | Psychologie

Sprachecke  27.10.2015

 

Datum: 2010

Aktuell: 16.02.2018